Bei einer Vernissage in Hall fällt mein Blick auf eines der am Tisch liegenden Gemälde. Es heißt „Der Melancholiker“ und ist eine Acrylmalerei auf Malplatte, 60 × 80. Die Farbgebung setzt sich aus Schwarz, Weiß und Preußischblau zusammen. „Preußischblau ist ein Farbton, der eine starke Tiefenwirkung erzielt“, sagt die Malerin Veronika Kolp. Das Blau wurde gezielt für diese Darstellung gewählt. Das Gemälde zeigt das Gesicht eines Mannes, der zwar in der Dunkelheit verhaftet ist und doch immerzu versucht, ins Licht zu treten.
Vom Kleinen.
Gemalt hat es eine Frau, die weiß, was sie will. Die 1969 geborene, in Reith bei Seefeld aufgewachsene, mittlerweile in Mils wohnende und arbeitende Veronika Kolp, die auf die Frage, seit wann sie malt, antwortet: „Seitdem ich einen Stift halten kann.“ Schon früh war das Zeichnen für sie, die sich als stilles, zurückhaltendes Kind beschreibt, eine Form, um ihre Gefühle auszudrücken. Während ihrer Ausbildung an der Fachschule für angewandte Malerei an der HTL Trenkwalderstraße in Innsbruck weiß sie bereits, dass sie Restauratorin werden will. Mit 15 arbeitet sie im Sommer erstmals in diesem Bereich. Seit 1987 ist sie bei verschiedenen Tiroler Werkstätten als Vergolder- und Staffierer-Meisterin tätig. Aus ihrem Beruf heraus entwickelt sich nach und nach die Malerei. „Irgendwann entstand das Bedürfnis, meine eigenen Ideen zu verwirklichen“, sagt die Künstlerin. Konkret habe sie mit ihren eigenen Bildern 2009 angefangen. Sie begann damit, immer ein kleines Büchlein dabeizuhaben. „Für schnelle Aquarellskizzen“, wie sie sagt. Das macht sie auch heute noch. Sie öffnet ihr aktuelles Skizzenbuch mit Zeichnungen von Berglandschaften, die an Paul Flora erinnern. Ihr gehe es dabei darum, das Gefühl, das die Landschaften vor Ort bei ihr auslösen, festzuhalten. Für eine Skizze benötige sie meist nur eine gute halbe Stunde.

Ins Große.
Vor fünf Jahren, als ihr die kleinen Darstellungen nicht mehr genug waren, wagte sie den Sprung ins Großformat. Sie malt nicht nur Landschaften, sondern auch Menschen, mit speziellem Fokus auf Köpfe und Gesichter. „Das war ein riesiger Schritt für mich. Im Kleinformat ging es mir immer nur um die richtigen Proportionen. Aber im Großen geht es auch und noch viel mehr um die Emotionen.“ Oft malt Kolp verschiedene Gesichter einer Person auf die Leinwand, um so ihre unterschiedlichen Facetten einzufangen: „Diese Bilder haben für mich oft etwas von Schattenfiguren. C. G. Jung sagt, dass jeder seinen Schatten in sich integrieren sollte. Deshalb spielen Schatten auch in meiner Kunst eine große Rolle.“ Nicht jeder Schatten ist gleich, die Arten, mit dem eigenen Schatten umzugehen, sind verschieden. Das schlägt sich auch auf Kolps Kunst nieder. So ist der Schatten im Gemälde der 17-jährigen Gilidar noch recht klein, während er bei Darstellungen von älteren Personen wesentlich mehr Raum einnimmt.
Buhrufe sind lauter als Applaus.
Kunst zwingt sich nicht auf, sie setzt sich aus. Das bedeutet auch, sich Kritik auszusetzen, sich angreifbar zu machen. Dazu kommen Zweifel: „Hoffentlich merkt niemand, dass ich vielleicht doch nicht so gut bin. Diese Angst begleitet mich“, sagt Kolp. Sie hat einen Weg gefunden, damit umzugehen, den sie positiven Narzissmus nennt: „Es ist ein bewusster Schritt nach außen, eine Form der Selbstheilung. Ich will der Welt zeigen: Schaut her, was ich alles kann.“
Was Kolps Werk auszeichnet, ist auch ihr Mut zur künstlerischen Gratwanderung, ihr Mut, zu scheitern: „Ich mache ja nicht Malen nach Zahlen. Ich male über die Grenzen hinaus. Ich experimentiere, verliere Grenzen und hole sie wieder her.“ Es passiert öfter, dass ihr ein Porträt entgleist, dass sie glaubt, es verloren zu haben: „Über diesen schrecklichen Moment muss ich drüber. Das Gefühl, alles zu verlieren und es dann wieder herzukriegen, das braucht es“, sagt sie.

Berührend.
Veronika Kolp möchte mit ihren Bildern berühren. Wie man Menschen berührt, also wirklich berührt, hat sie bei ihrer Ausbildung zur inklusiven Sozialpädagogin in Stams gelernt, die sie 2023 abschloss. Die Erfahrungen, die sie dort machte, prägten Kolp sowohl künstlerisch als auch persönlich. Was sie dort lernte, floss auch in ihre Porträtserie „Weibs-Bilder“ ein, die zusammen mit ihrer Serie „Gletschermilch“ aktuell in Galtür ausgestellt wird. Ein Fach bei ihrer Ausbildung hieß Basale Stimulation. Dabei geht es unter anderem darum, Menschen mit Behinderung zu berühren, um ihren Bezug zur Umwelt und zu sich selbst zu verbessern: „Das war sehr spannend für mich. Eigentlich ist es ja ein No-Go, jemanden anzugreifen. Aber gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten Stellen zu erarbeiten, bei denen sie sich wohlfühlen, war augenöffnend für mich.“ Eine der Hausaufgaben in diesem Fach löste Kolp malerisch mit einem Porträt eines Jungen mit Behinderung. Es war ihr erstes Porträt im Großformat. Dass sie sich in ihrer jüngsten Serie „Weibs-Bilder“ mit Frauen und Weiblichkeit beschäftigt, liegt für Kolp auf der Hand: „Speziell in Tirol leben wir noch in sehr patriarchalen Strukturen. Viele, auch junge Frauen, sind nach wie vor Gewalterfahrungen ausgesetzt. Die Femizide finden kein Ende.“ Mit ihren Porträts will sie Frauen dazu ermutigen, über sich hinauszuwachsen und etwas aus ihrem Leben zu machen. Laut Kolp hat jeder Mensch Möglichkeiten und Begrenzungen. Gerade Frauen leiden sehr an gesellschaftlich auferlegten Hürden. Zu oft werde das Hauptaugenmerk jedoch auf die Begrenzungen gelegt: „Mir geht es nicht darum, die Begrenzungen zu verneinen, sondern die Möglichkeiten aufzuzeigen und auszureizen“, sagt Kolp.
Erzählende Bilder.
Veronika Kolp versteht sich als Malerin, die mit ihrer Kunst auch immer eine Geschichte erzählen will. Sie verarbeitet die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens und beschäftigt sich neben feministischen Motiven auch stark mit der Klimakrise. Sie wählt etwa Motive, auf denen kleine Kinder zu sehen sind, die beispielsweise unter schmelzendem Eis davonschwimmen. Vielleicht wider Erwarten sehen sie dabei ganz glücklich aus. In ihren Entwürfen skizzierte sie ein depressives Kind, mit geneigtem Kopf, das die Katastrophe, den Weltuntergang, im Gesicht trug. „Dann habe ich bemerkt, dass das einfach nicht funktioniert. Mit dem fröhlichen Kind hole ich Aufmerksamkeit und stelle Fragen in den Raum, ohne eine moralische Hoheitsposition einzunehmen“, sagt Kolp.
Veronika Kolp ist es wichtig, dass die Kunst keinen belehrenden Charakter einnimmt. Sie fragt sich, wie mit dem Klimawandel umzugehen ist, was man selbst noch darf und was zu viel ist: „Ich verarbeite diese Fragen, indem ich male. Aber ich habe keine Antworten auf sie. Ich bin nicht besser, weiß nicht mehr als die anderen. Und irgendwo möchte ich in jedem Bild auch einen Funken Hoffnung drin haben. Sonst hält man das alles ja gar nicht aus.“
AKTUELLE AUSSTELLUNG
Weibs-Bilder und Gletschermilch, bis 15. August, Alpinarium Galtür.
Theresia ist eine der Frauen, die Veronika Kolp für die Serie „Weibs-Bilder“ porträtierte. (c) Martin Kolp