„Wir zelebrieren die Kunstform Musikvideo“

Michael Klieber und Lucas Lazarus schreiben wieder die Goldene Schindel aus, Österreichs ersten Wettbewerb für Musikvideos. Dazu wird im Herbst erneut ein Festival stattfinden. Dem 20er erklären sie, warum das Medium spannend bleibt.

von Melanie Falkensteiner
Lucas Lazarus (c) Credit
Sie beide kennen sich vom Theater und sind vielfach kulturell engagiert. Wie kamen Sie dazu, einen internationalen Filmwettbewerb für Musikvideos zu starten?

Michael Klieber: Unser Kulturverein „Legends of Rock“ hatte zum Ziel, lokale Künstlerinnen und Künstler mit fairen Gagen zu fördern. Mit der Reihe „Around The Block“ bespielten wir ungewöhnliche Orte in Innsbruck und wagten uns immer weiter hinaus. Die Vernetzung von lokalen Kulturvereinen und Menschen aus der Szene war uns wichtig. Schließlich kam uns die Idee zu einem Musikvideowettbewerb, der all das verbindet. Auch, weil es so etwas in Österreich noch nicht gab.

Und innerhalb der EU?

Klieber: Abgesehen von großen Award-Shows wie den MTV EMAs besteht da in Europa eine Marktlücke. In Berlin gibt es zwar einen Musikvideowettbewerb, doch als Lucas dorthin reiste und sich einen Eindruck davon machte, wurde uns klar, dass wir es anders aufziehen wollen.

Inwiefern?

Lucas Lazarus: Uns ist es wichtig, die Werke im Kino auf der Leinwand zu zeigen und sie möglichst vielen Leuten zu präsentieren. In Berlin waren wir in einem Club und es war eher ein Netzwerktreffen.

Klieber: Wir sind sehr darauf bedacht, dass alle am Programm teilnehmen können, auch jene, die selbst nicht in der Musikbranche tätig sind.

„Auch Superstars wie Miley Cyrus liefern noch zu jeder Single-Auskoppelung ein Video.“

Die Ausschreibung für die Goldene Schindel beginnt jetzt. Darf jeder und jede ein Musikvideo einreichen?

Lazarus: Genau. Und zwar europaweit. Wir haben vier Kategorien ausgeschrieben: eine für Tirol, eine österreichische und eine internationale – die vierte ist die bizarre Kategorie, mit der wir vor allem auf den künstlerischen Aspekt eingehen. Es gibt keine Genrebegrenzungen, wir sind offen für alles.

Der Pilot im Jahr 2022 war ein Erfolg. Warum haben Sie danach eine Pause eingelegt?

Klieber: Als wir uns für das Projekt entschieden, waren wir uns einig, dass mit fünfzig Einreichungen alle glücklich wären. Bekommen haben wir mehr als zweihundert. Weil wir alle ehrenamtlich arbeiten, bedeutete die Sichtung all der Musikvideos viel Aufwand. Wir brauchten eine Pause, doch es hat weiterhin in uns rumort. Außerdem gab es eine große Nachfrage: Immer wieder schrieben uns Bands aus dem deutschsprachigen Raum und wollten ihre Werke einreichen. Also beschlossen wir, diesem Ruf zu folgen und in Westösterreich etwas Großes aufzubauen.

Das klingt nach noch mehr Arbeit. Was sind Ihre Ziele?

Lazarus: Das Festival im jährlichen Rhythmus zu veranstalten, mehr Einreichungen zu bekommen und uns geographisch auszubreiten. Wir wollen der Tiroler Kunstszene, vor allem der musikalischen, mehr Sichtbarkeit verleihen, Künstlern und Künstlerinnen eine Bühne bieten – mit einer fairen Bezahlung. Ein Festival mit Preisverleihung und Rahmenprogramm kann dabei helfen.

Michael Klieber (c) Credit
Was wollen Sie bei der zweiten Ausgabe im Herbst beibehalten, was verändern?

Lazarus: Was uns sehr gut gefiel, war die Galaveranstaltung. Zahlreiche Künstler und Künstlerinnen waren geladen, wir verlosten Gästeplätze und alle kamen mit strahlenden Augen in Abendgarderobe an. Es gab Live-Auftritte und einen weltweiten Livestream. Es war schön zu sehen, wie jeder Lust darauf hatte. 2022 quetschten wir allerdings das ganze Programm in ein Wochenende, heuer haben wir es auf einen Monat ausgeweitet. Vier Wochen lang werden Workshops, Podiumsdiskussionen, Musikfilmvorführungen und Konzerte stattfinden.

MTV hatte schon mal mehr Einfluss. Welchen Stellenwert hat die Kunstform Musikvideo noch?

Klieber: Die Frage der Relevanz in Zeiten von Social Media ist wichtig. Wir gehen ihr während des Festivals gemeinsam mit der Universität Innsbruck nach. Es wird auch medienwissenschaftliche Vorträge geben – beispielsweise von der mica austria, dem österreichischen Musikinformationszentrum. Vor allem bei kleineren Bands hat das Musikvideo aber einen hohen Stellenwert. Viele bemühen sich wirklich darum. Selbst Superstars wie Miley Cyrus liefern noch zu jeder Single-Auskoppelung ein Video.

Lazarus: Ich finde es spannend, wie individuell das ist. Manche Künstlerinnen und Künstler ziehen aus dem Medium Musikvideo eine besondere Energie, weil sie sich kreativ ausleben können – was wiederum das Publikum anspricht und die Musik weiterverbreitet.

Also nichts mit „Spotify killed the MTV Star?“

Klieber: Diese Fünf-Sekunden-Clips, die oft auf den sozialen Medien geteilt werden und ein vollwertiges Musikvideo ersetzen sollen, werden wieder verschwinden. Beim Aufschwung der CD hat man gejubelt: „Die Vinylplatte ist tot, hoch lebe die CD!“ Heute sieht man, dass die CD tot ist und die Vinylplatte wieder Rekorde knackt. Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des Musikvideos. Als wir 2022 unsere Idee für den Wettbewerb präsentierten, waren alle sofort mit Begeisterung dabei, es gab keine zweifelnden Stimmen. Das zeigt, wie groß die Nachfrage nach Musikvideos ist. Und nach einer Veranstaltung, die diese Kunstform zelebriert.

Goldene Schindel

Am 12. Oktober wird die Goldene Schindel im Metropol Kino verliehen. Eingereicht werden dürfen alle Musikvideos, die seit Herbst 2023 veröffentlicht wurden. Informationen unter: www.goldeneschindel.at

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