Wem gehört die Straße?

Das StreetNoise Orchestra ist laut, bunt, politisch und gut vernetzt. Anfang Mai holt es acht internationale aktivistische Straßenbands nach Innsbruck. Wer sind seine Mitglieder? Und wogegen spielen sie an?

von Eva Schwienbacher
Die Straße als Bühne: Bei einer Kundgebung in Innsbruck für die Erhaltung des Platzertals. (c) Nicolas Hafele

Es ist Mittwochabend, noch eine Stunde bis zum Probenstart um 19 Uhr. Sebastian — groß, schlank, braune Locken — sperrt den Probenraum neben dem Bogentheater auf. Grüne Wandleuchten, Kunststoffpflanzen und ein türkiser Flügel bringen Farbe in das dunkle Gemäuer, das eigentlich eine Schlagzeugschule beheimatet. Geruchsmäßig könnte es auch ein geschlossener Club sein.

Sebastian hat sein Instrument um die Hüfte gebunden: Es ist eine Taschentrompete, die kaum länger als ein Unterarm ist. Praktisch, so konnte er sie kürzlich auch auf seinen Trip nach Indien mitnehmen. „Trompete muss man schließlich täglich üben“, sagt er. Nach und nach stoßen weitere Bandmitglieder dazu: Anna, die wöchentlich für die Mittwochsprobe aus Salzburg mit ihrem Sopran-Saxophon anreist, der Trompeter Andi sowie die Saxophonisten Chrissi und Klausi.

Die fünf sind Teil des StreetNoise Orchestra, das sich als aktivistisches Musik-Kollektiv versteht und seit über zehn Jahren Kundgebungen, Festivals, Plätze und Straßen in Innsbruck belebt. Wer die Band kennt, weiß: Es ist ein Haufen in Orange und Grün (die Farben dürfen frei kombiniert werden), der Spaß an Musik hat, dem es aber auch um die Sache geht. Und das von Anfang an.

„Mir gefiel das Widerspenstige. Ich wusste gar nicht, dass wir auch Musik machen“, erzählt Sebastian von der Geburtsstunde der Band im Jahr 2013. Inspiriert von der politischen Straßenband Titubanda aus Rom, gründete damals eine Handvoll engagierter Innsbrucker das StreetNoise Orchestra. Die römische Band, die sie ihre „Mutterband“ nennen, versorgte sie mit Noten. Auch von der Grazer „Schwesterband“ Masala Brass Kollektiv kam Unterstützung.

Klein, aber laut: die Taschentrompete. (c) Nicolás Hafele

„Die Gründungsidee war, den öffentlichen Raum mit Musik zu erobern“, sagt Sebastian. Mit Holz- und Blechblasinstrumenten, Akkordeon, Schlagwerk und Gesang setzen sie sich seither für einen freien Zugang zu Kunst, Kultur und Stadtraum ein sowie für Themen, die ihnen wichtig sind. Sie spielten zuletzt etwa bei einer Kundgebung gegen die Wasserkraftwerk-Pläne im Platzertal und zogen dabei durch die Innsbrucker Innenstadt. Zum Weltfrauentag fuhren sie nach Mittenwald und schlossen sich dem Protest gegen eine dortige Musikkapelle an, die keine Frauen aufnimmt. Auch wenn es nirgends festgehalten ist, so ist dem Gros der Mitglieder klar, wofür StreetNoise Orchestra steht: „Wir lassen Demokratie hochleben – in jeglicher Weise“, sagt Anna. Das gilt auch für die Band selbst. Es gibt keine Leitung und auch keine Dirigentinnen oder Dirigenten. Alles wird basisdemokratisch entschieden.

Gigvorschläge oder Anfragen werden in der Probenversammlung besprochen. Es müssen nicht nur genug Leute Zeit haben, um überhaupt spielfähig zu sein, sondern auch alle inhaltlich mitgehen können. Denn obwohl die Band gegen Rassismus, für Gleichberechtigung oder besseren Klimaschutz ist, gebe es verschiedene Auffassungen zu einzelnen Themen. Das liegt wohl auch an der Vielfalt der Mitglieder, die zwischen 18 und 70 Jahre alt sind.

Auch das musikalische Können variiert: Manche betreiben sehr intensiv Musik. Andere wiederum sind Neu- oder Wiedereinsteigerinnen: Cleo, erzählen die fünf, hat zum Beispiel gerade erst mit dem Saxophon-Unterricht begonnen. Dorothea hingegen besuchte acht Jahre lang das Konservatorium. Weil sie mit 18 genug von Etüden hatte, verstaute sie ihre Querflöte im Schrank, bis sie 40 Jahre später StreetNoise bei einer Raddemo in Innsbruck erlebte. Heute verstärkt die 60-Jährige die Band als Flötistin. „Was uns alle verbindet, ist, dass wir nicht einfach schöne Musik machen wollen. Sonst wären wir nicht bei StreetNoise“, sagt Chrissi. Sie schloss sich der Band 2017 ebenfalls nach einer Begegnung auf einer Demo an. „Ich war sofort verzaubert. Für mich bedeutet StreetNoise, mit Musik politisch zu sein.“

Welche Stücke gespielt werden, wird jährlich bei einem mehrtätigen Hüttenwochenende diskutiert. Zum Repertoire zählen beispielsweise das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“ oder „The Kids Aren’t Alright“ der Punk-Rock-Band Offspring, aber auch Eigenkompositionen, wie „Grenzrenner“, in dem es um Flüchtlinge geht, die von einer Grenze zur nächsten hetzen müssen, ohne jemals anzukommen. Im Prinzip kann jedes Mitglied neue Lieder einbringen. Für „Tout le monde“, das sich gegen die Polizei richtet, gab es beispielsweise keinen Konsens.

„Was uns alle verbindet, ist, dass wir nicht einfach schöne Musik machen wollen. Sonst wären wir nicht bei StreetNoise.“

Chrissi, Saxophonistin

„Viele meinen, bei StreetNoise wird nur improvisiert“, sagt Anna. „Aber das stimmt nicht.“ Es gibt fixe Abläufe, für jeden Auftritt eine Set-Liste und eine rotierende zweiköpfige Probenleitung. Sie sorgt hauptsächlich dafür, „dass es halbwegs ruhig“ ist – und dass zwischendurch für die Dunkelprobe das Licht ausgeschaltet wird. Schließlich müssen die Lieder ohne Noten sitzen.

Mit Musik, Humor und guter Laune verschafft StreetNoise wichtigen Themen Gehör. (c) Nicolás Hafele

Aktuell ist das StreetNoise Orchestra mit den Vorbereitungen für „Strafiato“ beschäftigt. Beim internationalen Festival für urbane Blasmusik holt die Innsbrucker Band Anfang Mai zum dritten Mal Streetbands aus Italien, Frankreich, Belgien und Deutschland in die Tiroler Landeshauptstadt. Das bedeutet: Unterkunft und Verpflegung für rund 200 Musikerinnen und Musiker organisieren, das Programm finalisieren und die Finanzierung sichern. Weil die öffentlichen Förderungen heuer gekürzt wurden, läuft bis Anfang April eine Crowdfunding-Kampagne. Zudem hofft die Band auf viele helfende Hände.

Was das Publikum erwartet? „Viel laute Musik und Spaß“, sagt Chrissi. Und – wie es für aktivistische Bands gehört – friedvoller Protest. Etwa gegen eine Änderung des Landesveranstaltungsgesetzes, die letztes Jahr trotz Einwänden der Band und anderer Kultureinrichtungen beschlossen wurde und im krassen Widerspruch zur Kernforderung von StreetNoise steht. Mit der Novelle wurde Straßenmusik nämlich anmeldepflichtig. Aufgrund seiner Größe und der lauten Blechbläser muss StreetNoise sogar eine Veranstaltung anmelden – und sämtliche Auflagen, die dafür gelten, erfüllen. Spontanes Proben oder Spielen im Freien gehörten damit der Vergangenheit an. „Damit stirbt das Konzept“, bringt es Sebastian auf den Punkt. Doch ans Aufgeben denkt hier niemand. Und spätestens wenn die Probe an diesem Mittwochabend startet, ist klar: Die Band gehört ins Freie und gehört. Heimlich spielen, das kann und will sie nicht.

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