Sarah Bestle war noch ein Kind, als sie ihre erste Geburt miterlebte. Selbst erinnert sie sich noch an die Wehen ihrer Mutter und an ihren Vater, der sie tröstete. Das war in Nicaragua, wo die Innsbruckerin von 1988 bis 1991 mit ihren Eltern lebte. Ihre Mutter baute dort als Krankenschwester ein Gesundheitszentrum mit auf. Trotz des Bürgerkriegs hat sie diese Zeit als „perfekte Kindheit“ abgespeichert. Sie lebten in einer Straße mit anderen Familien aus der Mittelschicht. Dennoch war es lebensgefährlich, nach Einbruch der Dunkelheit rauszugehen. So waren ihre Eltern allein, als es nachts plötzlich losging. „Die Nabelschnur hatte sich um den Hals meines Bruders gewickelt. Er war kurz leblos. Mein Vater schickte mich in die Küche, um Eis aus dem Gefrierfach zu holen“, erzählt Bestle. „Mit diesem Eis haben wir ihn zum Leben erweckt.“ Als am Morgen die Hebamme eintraf, waren alle wohlauf.
Nicht nur dieses Ereignis hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Auch die Ungerechtigkeiten in dieser Welt fielen ihr schon früh auf. Männer bekamen Fleisch, während nicaraguanische Frauen bloß Reste aßen. Niemand unternahm etwas gegen die Gewalt an Frauen. Warum? Ihre Eltern gaben ihr Antworten und eine Haltung mit: Wir können die Welt gerechter machen. Mit 17 kehrte Bestle nach Nicaragua zurück. Sie war bereits politisch aktiv, beschäftigte sich mit der Geschichte des Landes und begriff die Unterdrückung der Frauen besser. Da wurde ihr klar, sie wollte eine Arbeit, „die Frauen über ihren Körper, ihre Sexualität, ihre Reproduktion empowert“. Der Beruf der Hebamme vereint für sie all das. Seither treibt sie der Drang, Frauen zu stärken, an.
Als vor zehn Jahren innerhalb weniger Wochen hunderttausende Menschen nach Österreich flüchteten, war Sarah Bestle Ende 20, Hebamme und Mutter ihres ersten Jungen. Sie sah die Schutzsuchenden aus Syrien, Afghanistan und dem Irak und dachte sofort an die schwangeren Frauen und ihre Babys. „Als Hebamme hatte ich einen Schlüssel, um den Frauen Schutz, Integration und Gesundheit zu ermöglichen.“ Was dann geschah, beschreibt Bestle wie ein Rausch: Gemeinsam mit Kolleginnen suchte sie Flüchtlingsunterkünfte in und um Innsbruck auf, um Schwangere sowie Frauen und ihre Babys nach der Geburt zu betreuen. Unter den Geflüchteten fanden sie Frauen, die dolmetschten. Auch ein Raum wurde ihnen zur Verfügung gestellt. „Wie so oft in meinem Leben hatte ich Glück“, sagt Bestle. 2016 gründete sie den Verein Refugee Midwifery Service Austria (RMSA). Ziel war, Hebammen österreichweit zu vernetzen und sich gegenseitig in der Flüchtlingshilfe zu unterstützen. Hebammen aus Innsbruck, Krems, Linz und Wien schlossen sich an.
„Ich kann sprechen, ich kann agieren, das ist nicht selbstverständlich.“
Die Arbeit war herausfordernd: Schwangere brauchen Sicherheit, Geborgenheit, Wärme und Ruhe, doch die Realität in den Flüchtlingsunterkünften war geprägt von Chaos, fehlender Privatsphäre und großer Unsicherheit. In einem Fall stand einer Frau kurz nach der Geburt nur ein Dixi-Klo im Freien zur Verfügung, erinnert sich Sarah Bestle. Viele sorgten sich um ihre Zukunft und ihre Familien in der Heimat. Da half es der heute 39-Jährigen, sich auf ihre Kerntätigkeit als Hebamme zu konzentrieren: zuhören, beruhigen, einen geschützten Raum schaffen – auch unter schwierigen Bedingungen.
Zunächst arbeiteten Bestle und ihre Kolleginnen noch ehrenamtlich. Im Laufe der Zeit hat sich RMSA professionalisiert und zu einer wichtigen Einrichtung in der Betreuung von geflüchteten Schwangeren und jungen Familien entwickelt. Der Verein besteht heute aus einem vierköpfigen Vorstand, einer geringfügig Beschäftigten und neun Dolmetscherinnen und Familienbegleiterinnen für die Sprachen Somali, Arabisch, Dari, Farsi und Kurdisch, die meisten sind Muttersprachlerinnen. Besonders liegt Bestle die professionelle Betreuung von Frauen, die von weiblicher Genitalverstümmelung oder -beschneidung (FMG/C) betroffen sind, am Herzen. „Schwangere mit FGM/C fürchten sich vor den Komplikationen und haben ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen. Es braucht mehr Aufklärung.“ Neben Angeboten für Betroffene versucht Bestle, mit Workshops für angehende Hebammen, Vorträgen und einer laufenden Studie für das Thema zu sensibilisieren. „FGM/C erhöht das Risiko von Geburtskomplikationen und trotzdem habe ich noch in keinem einzigen Mutter-Kind-Pass bei uns hier ein Vermerk dazu gesehen“, kritisiert Bestle. Besonders im niedergelassenen Bereich fehle das Wissen über die mit FGM/C einhergehenden Risiken.
Auch in anderen Bereichen der Frauengesundheit sieht Bestle Verbesserungsbedarf. Dass sie ihre Arbeit trotz der vielen Herausforderungen liebt, liegt an den wertvollen Begegnungen, der Dankbarkeit und dem Glücksgefühl, das sie bei einer gut verlaufenen Geburt verspürt. „Es ist inspirierend zu sehen, wie Frauen in schwierigsten Situationen stark sind und noch lachen können und wie wir uns trotz unterschiedlicher Kulturen nahe sind.“ Dankbar, in einer privilegierten Welt zu leben, spürt sie eine tiefe Verantwortung, etwas zu tun: „Ich kann sprechen, ich kann agieren, das ist nicht selbstverständlich. Wenn wir Frauen uns transnational solidarisieren, können wir die Welt retten.“
Sarah Bestle ist einer von zwölf Tiroler Lichtblicken. Die anderen 11 finden Sie in der aktuellen Ausgabe des 20er!
Sarah Bestle setzt sich für das Wohl geflüchteter Frauen ein. (c) Nicolas Hafele