„Unser Ego sollte dem Dialog nicht im Weg stehen“

„War das jetzt rassistisch?“ Dazu hielt Melisa Erkurt Anfang Februar einen Vortrag in Innsbruck. Im Gespräch mit dem 20er erzählt die Journalistin, wie wir selbst rassistisches Denken erkennen und überwinden können.

von Eva Schwienbacher
Melisa Erkurt erhebt die Stimme gegen Rassismus. (c) Zoe Opratko
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Ton und Inhalt immer ans Publikum anpassen. Wie haben Sie sich auf Innsbruck vorbereitet?

Melisa Erkurt: Zuerst hatte ich eine abgeschwächte Version mit vielen Feel-Good-Beispielen geplant. Ich wollte einzelne Personen weniger direkt ansprechen, weil sie sich erfahrungsgemäß schnell angegriffen fühlen. Doch während der Vorbereitung war ich auf Wohnungssuche und habe wieder gemerkt: Menschen mit österreichischen Namen werden bevorzugt. In Deutschland gab es zudem einen Fall, in dem ein Immobilienbüro zu Schadenersatz verurteilt wurde, weil eine Frau aufgrund ihrer Herkunft bei der Wohnungssuche benachteiligt wurde. Wir Personen mit Migrationshintergrund und nicht-weiße Personen erleben tagtäglich Rassismus. Da habe ich die weichgespülte Variante wieder ehrlicher gemacht.

Wie haben Sie das Publikum in Innsbruck erlebt?

Die Resonanz war sehr positiv. Ich habe viel Persönliches erzählt und mich verletzlich gezeigt. Da reagieren viele mit Empathie – und die meisten hatten an diesem Abend das Herz am rechten Fleck. Es gab keine provokanten Fragen, sondern viel Mitgefühl. Manche haben mir hinterher erzählt, sie hätten geweint. Das war sehr berührend. Ich kenne es auch anders: Vor ein paar Jahren hielt ich einen ähnlichen Vortrag vor angehenden Volksschulpädagoginnen und -pädagogen und erlebte starken Gegenwind. Das hat mich so mitgenommen, dass ich mehrere Jahre keine Vorträge zum Thema Rassismus mehr angenommen habe. Ich habe mich gefragt: Wenn sie mit mir so sprechen, wie sprechen sie dann mit ihren Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund? Innsbruck war der erste Vortrag diesbezüglich seit Langem.

Melisa Erkurt

Melisa Erkurt arbeitete in der Innenpolitik-Redaktion des ORF-Reports, leitet seit 2021 das Medienprojekt „die Chefredaktion“ und schreibt eine wöchentliche Kolumne im Falter.

Glauben Sie, dass sich die Debatte über Rassismus verändert hat, oder lag die positive Stimmung am Publikum?

Ich habe in meiner Wiener Bubble das Gefühl, dass das Thema Rassismus ziemlich aufgeladen und zerkaut ist. Teils ist sogar im linken Sektor die Meinung vertreten, dass man nicht mehr über Rassismus, sondern nur über Kapitalismus reden sollte. Gleichzeitig ist die andere Seite noch rassistischer geworden. Da fehlt nun der Gegenwind. Auch linke, weiße Personen können rassistisch sein, aber gerade die wollen das oft nicht einsehen, weil es nicht mit ihren Werten übereinstimmt. Ich hatte vor Innsbruck etwas die Sorge, dass viele schon genervt sind von dem Thema. Stattdessen gab es viel Nachdenklichkeit.

Der 20er wird überwiegend von Menschen mit Migrationsbiografien verkauft. Dazu erreichen uns immer wieder Fragen, wie: „Wo sind die einheimischen Verkäuferinnen?“ Wie ordnen Sie die Frage ein?

Viele wünschen sich eine klare Antwort von mir: Ist das rassistisch oder nicht? Manche Aussagen sind ganz klar rassistisch. Oft hängt die Einordnung aber vom Kontext ab. Letztlich sollte die betroffene Person selbst entscheiden dürfen, wie sie eine Aussage empfindet. Es wäre bevormundend, wenn ich mich hinstelle und festlege, was man sagen darf und was nicht.

Trotzdem wünschen sich viele eine Orientierung.

Wichtig ist, einen Schritt zurückzugehen und darüber nachzudenken, wieso ich etwas wissen möchte. Etwa, weil ich finde, dass mir diese Information zusteht? Migrantinnen müssen sich oft nackig machen und intime Informationen von sich preisgeben – sei es bei Anträgen, vor Behörden oder im Alltag. Davon bleibt die Mehrheitsgesellschaft verschont. Man sollte überlegen: Würde ich ähnliche Fragen „nach oben“ stellen? Würde ich auch fragen, warum hatten wir hier eigentlich noch nie einen migrantischen Bürgermeister? Oder traut man sich solche Fragen nur „nach unten“ zu stellen, also Migrantinnen und Migranten oder nicht-weißen Personen. Dann sollte man reflektieren, aus welcher Position heraus man spricht. Bei dem genannten Beispiel war die Frage, wieso so wenige Österreicher als Zeitungsverkaufende arbeiten. Wenn sie jemand stellt, der immer sehr direkt fragt, etwa auch, wieso so wenige Migranten in den Chefetagen vertreten sind, dann finde ich die Frage okay.

Was ist mit: Warum spricht der Verkäufer XY nach zehn Jahren in Tirol immer noch kein Deutsch?

Auch da stellt sich die Frage, wem es denn nützt, wenn jemand kein Deutsch spricht. Er ist der größte Leidtragende. Warum fragt man nicht: Wieso war es Österreich nicht wichtig, genug Deutschkurse anzubieten? In der Gastarbeiterzeit war es beispielsweise nicht gewünscht, dass die Leute zurückredeten oder sich beschwerten. Man ging davon aus, dass sie ohnehin wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Genauso sollte man sich anschauen, wie die Situation vor zehn Jahren war: Woher kamen die Leute? Wenn es Menschen sind, die vor dem Krieg beispielsweise in Syrien geflüchtet sind, könnte man sich fragen: Wie wäre es, wenn ich vor dem Krieg flüchten müsste? Hätte ich da auch als Erstes die Sprache gelernt oder wäre ich traumatisiert? Man sollte nicht vergessen, dass wir Menschen sind und keine Maschinen.

„Warum fragt man nicht: Wieso war es Österreich nicht wichtig, genug Deutschkurse anzubieten?“

Sie haben vorhin Ihre Bubble angesprochen: Auf der einen Seite achten Menschen sehr auf inklusive Sprache, auf der anderen Seite gibt es offenen Rassismus und Hetze gegen Migrantinnen und Migranten. Wie gelingt der Dialog über die eigene Blase hinaus?

Von rassismusbetroffenen Menschen zu erwarten, in den Dialog zu gehen, ist schwierig. Für eine Schwarze Person kann es traumatisch sein, sich in ein Umfeld zu begeben, in dem jederzeit das N-Wort fallen könnte. Wir müssen uns mehr durchmischen und mehr gemeinsam machen – das klingt immer so schön. Aber für viele Menschen ist das mit einer realen Gefahr verbunden. Ich finde, Leute wie ich haben die Aufgabe, mit Menschen zu diskutieren, die andere Ansichten haben. Ich habe helle Haut, blaue Augen. Ich kann mich unsichtbar machen. Gleichzeitig gibt es bei mir Themen wie den Islam, bei denen ich mir wünschen würde, nicht ständig erklären zu müssen, warum wir keine Terroristen sind oder warum muslimische Frauen nicht automatisch unterdrückt sind. Ich würde mir wünschen, dass jemand anderes diese Diskussion für mich führt. Deshalb sollten jene diese Gespräche übernehmen, die nicht direkt betroffen sind – die das Privileg haben, weiß zu sein oder nicht selbst Ziel von Diskriminierung zu sein.

Innsbruck ist dem Städtenetzwerk gegen Rassismus beigetreten. Kann so ein Beitritt tatsächlich etwas bewirken?

Ja – aber nur, wenn dem Beitritt konkrete Maßnahmen folgen. In Deutschland gibt es zum Beispiel das Netzwerk „Schule ohne Rassismus“. Dort hat das Label dazu geführt, dass manche Schulen sagen: „Bei uns gibt es keinen Rassismus, wir haben ja das Zertifikat.“ In der Realität gibt es trotzdem Rassismus. Das Label wird als Schutzschild genutzt, um sich nicht weiter mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen. Ein Beitritt ist also der Startschuss für antirassistische Maßnahmen und nicht ihr Ersatz.

Gibt es abschließend noch etwas, was Sie im Hinblick auf dem Internationalen Tag gegen Rassismus am 21. März sagen möchten?

Rassismus ist ein großes, böses Wort, das man nicht mit sich vereinbaren möchte. Viele glauben, Rassisten sind nur die Rechtsextremen. Doch: Wir alle können rassistisch sein. Auch mir als Migrantin passiert es, dass ich rassistisch handle. Trotzdem sollte man nicht aus Angst, einen Fehler zu machen oder jemanden zu verletzen, den Dialog abbrechen oder vermeiden. Wichtig ist, Fehler oder Verletzungen einzusehen, sich zu entschuldigen und die Situation wieder gut zu machen. Wer den Mut hat, offen zu sagen: „Du, das hat mich jetzt verletzt“, traut dem Gegenüber immerhin zu, dass es mit der Situation umgehen kann. Das sehe ich als Zeichen des Vertrauens. Unser Ego sollte dem Dialog nicht im Weg stehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Beratung für Betroffene

Aratirol (Antirassismus-Arbeit Tirol)
Tel.: 0512/577 170
E-Mail: ARAtirol@zemit.at
Kontaktformular auf www.zemit.at
Gleichbehandlungsanwaltschaft
Tel.: 0512/343 032 
E-Mail: office.tsv@gaw.gv.at
Bei Zara kann man rassistische Erfahrungen (on- und offline) melden und ein Beratungsgespräch vereinbaren.
www.zara.or.at

Bündnis gegen Diskriminierung

Seit Herbst ist Innsbruck Teil des europäischen Städtenetzwerks „European Coalition of Cities Against Racism (ECCAR)“ und damit eine von rund 180 Städten, die sich gegen Rassismus und für Gleichbehandlung einsetzen. Die Stadt verpflichtet sich damit, gemeinsam mit Verwaltung, Politik, der Bevölkerung und Fachleuten Maßnahmen gegen Rassismus anhand eines vorgegebenen Zehn-Punkte-Aktionsplans zu erarbeiten. Dafür gibt sich die Stadt bis Frühjahr 2027 Zeit. Begleitet wird der Prozess vom UNESCO-Zentrum in Graz. Der Vortrag „War das jetzt rassistisch?“ von Melisa Erkurt Anfang Februar galt als Auftakt. Wer Anregungen für ein besseres Miteinander hat, kann seine Ideen an
post.stadtplanung@gv.at schicken.

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