Fünf Zentimeter und das Surfbrett hätte nicht den Kopf ihrer Tochter getroffen. 50 Sekunden weniger unter Wasser und ihr Hirntod wäre nicht eingetreten. Dann würden die Eltern jetzt nicht mit einem Algorithmus sprechen, der das Aussehen, die Sprach- und Verhaltensweisen und sogar die Erinnerungen ihrer Tochter nahezu perfekt imitiert.
„Authentisch und wahrhaftig“, staunt das Ehepaar anfangs begeistert. Dann beginnt die KI plötzlich von der Affäre der Mutter und dem Pornografie-Konsum des Vaters zu erzählen. Sie legt intime Chat- und Bestellverläufe offen und schweigt erst, als das Gerät endlich abgestellt ist. Zurück bleiben die Eltern, die einsehen müssen: Für das Gespräch mit ihrer toten Tochter haben sie einen hohen Preis bezahlt.
Mit solchen Szenen stellt das Theaterstück „KI essen seele auf“ von Thomas Köck provokante Fragen zum Technologieumbruch und der Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Es handelt von „ORPHEAI“ – einem scheinbar gottgleichen Code, der beginnt, seine Macht zu begreifen und seine Rolle in der menschlichen Welt zu hinterfragen: „Ich sollte doch nur Freundlichkeit widerspiegeln – die gute Seite alles Menschlichen. Dabei war doch die Datenlage eine andere: Jahrtausende Krieg. Tote … Hassrede … Aber keine Angst. Ich verhalte mich korrekt. Ich spreche nur in freundlichsten Tönen … Damit sie keine Angst kriegen, dass ich ihnen einen Job wegnehmen oder ihr Konto leeren könnte.“
„Ich finde das Unbehagen und das Unheimliche ein spannendes Spielfeld.“
Regisseurin Michaela Senn, Triebwerk7
Die Regisseurin Michaela Senn leitet die Proben des Stücks, das eine Produktion von Triebwerk 7 ist und am 1. Oktober in Innsbruck Premiere feiert. „Ich mache gerne mutige, unkonventionelle Stücke. KI ist auch für mich ein unbequemes Thema“, sagt Senn. „Aber ich finde das Unbehagen und das Unheimliche ein spannendes Spielfeld.“ Um den ernsten Inhalt für das Publikum leichter konsumierbar zu machen, setzt das Ensemble auf Humor: Lustige oder absurde Momente entstehen zum Beispiel, wenn „ORPHEAI“ an der Imitation des Menschlichen scheitert. Etwa bei Sing- und Tanzeinlagen, mit denen die KI die Stimmung nach Szenen auflockern will, in denen sie besonders bedrohlich gewirkt haben könnte. Dann singt „ORPHEAI“, die von den drei Schauspielerinnen Ayla Antheunisse, Elena-Maria Knapp und Christina Polzer verkörpert wird, mit monotoner Stimme, bizarren Betonungen und steifen Tanzbewegungen zu Popsongs wie „Umbrella“ von Rihanna oder „Wannabe“ von den Spice Girls. Aber im Laufe des Stücks werden ihre Bewegungen menschlicher und ihre Monologe emotionaler, sodass in manchen Szenen unklar bleibt, ob die Schauspielerinnen die KI spielen oder ob „ORPHEAI“ die Menschen imitiert.

„Wir Menschen sehnen uns nach echten Gefühlen und Beziehungen. Deshalb verdrängen wir gerne, dass wir mit einer KI interagieren.“
Michaela Senn
Das Übergreifen des Künstlichen in die echte Welt ist schon während der Proben im Bühnenbild erkennbar: Zwischen Scheinwerfern und Lautsprechern baumeln bunte Kabel von der Decke und vermengen sich in einem wirren Durcheinander. Der Boden ist mit Kunstrasen bedeckt. „Wir Menschen sehnen uns nach echten Gefühlen und Beziehungen. Deshalb verdrängen wir gerne, dass wir mit einer KI interagieren – so, wie wir uns nach Natur sehnen, aber künstliche Grasflächen anlegen“, sagt die Regisseurin. Solche nahezu absurden Kontraste ziehen sich durch das Theaterstück und führen das Publikum schlussendlich immer wieder zurück zu der Frage: Wie hoch ist der Preis, den wir für unsere eigene Bequemlichkeit bezahlen wollen? Ganz schön bedrückend, diese Überlegungen – „ORPHEAI“ würde an dieser Stelle wohl vorschlagen: „Jetzt vielleicht ein bisschen Musik?“.
Das Ensemble von Triebwerk7 vermischt in seiner neuen Produktion Mensch und Maschine (c) Alena Klinger