Der Pirchanger in Schwaz ist nicht nur eine Wohnadresse. Der Flurname verweist auch auf eine Gesellschaftsordnung und Wirtschaftsform aus dem Mittelalter. Ein Anger war einst eine kollektiv genutzte Weide und oft Teil der Allmende, einem System der gemeinschaftlichen Verwaltung von Ressourcen. Noch heute ist das an den umliegenden Häusern ablesbar, die alle mit dem Giebel zum Anger schauen und nur kleine private Gärten haben. Eine Kapelle weist zusätzlich auf die frühere rituelle Nutzung dieses Ortes hin. Juri Velt erforscht solche, in die Landschaft eingeschriebenen Narrative mit Begeisterung und Akribie und interessiert sich dabei insbesondere für deren Bedeutungswandel, der durch politische, gesellschaftliche und klimatische Veränderungen immer rasanter passiert. Wenn der Lahnbach, in dem sprachlich die Lawine steckt, heute nur mehr bröseligen Staub bringt, das Nasstal trocken ist oder der Haag kaum mehr von den ursprünglichen lebendigen Hecken eingefriedet ist, geht eine sprachliche Verbindung zu Landschaften verloren.
In Velts Arbeit „The signs are collapsing, and no longer certain“ nehmen diese Toponyme, die geografischen Ortsbegriffe, Form an und rücken als ungebrannte Tontafeln in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Die Tag- und Nachtaufnahmen zeigen die filigranen Objekte, montiert wie Straßenschilder, auch als zerbrechliches Material, das bald verwittern und Teil der Umgebung werden wird. Die Fotografien erzählen von unserer Beziehung zu einem Ort und machen sichtbar, was einmal wichtig genug war, um benannt zu werden. Sie sind ortsspezifisch und zugleich auf viele Gegenden übertragbar und stellen die Frage, ob wir heutige, von Klimawandel und menschlichen Eingriffen geprägte Landschaften überhaupt noch benennen und somit lesen können.

Kritische Raumpraxis zwischen Kunst und Architektur.
Dieses „Lesen“ von Landschaften – geografischen, kulturellen oder politischen – und die eigene Positionierung darin war für Juri Velt, geboren 1996 in Schwaz und heute auch in Wien und Amsterdam zu Hause, schon immer ein zentraler Punkt. Die Ausbildung bedeutete ein Wandern zwischen Orten und Disziplinen – ein notwendiges, wie sich im Nachhinein zeigt. Das Architekturstudium in Innsbruck brach Velt nach einem Jahr ab – „die politische Sphäre von Raum war mir da zu wenig mitgedacht“. Nächste Station war die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, Schwerpunkt Fotografie. Die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung sei ungemein lehrreich gewesen, trotzdem sei die Fotografie mehr Mittel zum Zweck geblieben, eine Ausdrucksform von vielen – weshalb Leipzig auch nicht die letzte Station bleiben sollte. „Ich konnte mich in dieser Gegend, in dieser Geschichte, in dieser politischen Landschaft nicht so recht positionieren, das hat mich gehemmt“, reflektiert Juri Velt heute. In Wien war das leichter, dorthin ging es als Nächstes und damit wieder zurück zur Architektur. Dem Studium an der Akademie der bildenden Künste folgte später noch ein Masterprogramm an der Gerrit-Rietveld-Akademie in Amsterdam, bei dem die kritische künstlerische Auseinandersetzung mit Raum im Mittelpunkt stand.
Immer wieder hinterfragte Juri Velt auf diesem Weg die Verantwortung als mitteleuropäische Person zwischen Kunst und Architektur und stellt zugleich die Prägung durch die eigene Familie zur Diskussion. „Ich war immer von Menschen umgeben, die Kunst machen. Mein Vater Rens Veltman ist Künstler, meine Mutter und mein Bruder sind ebenfalls künstlerisch tätig. Das bedeutet einerseits ein kulturelles Kapital, aber gleichzeitig auch die Notwendigkeit, meinen eigenen Kunstbegriff zu entwickeln“, erzählt Velt. „The Artist as the
genius – diese romantisierte Version von jemandem, der allein in seinem Atelier sitzt und Dinge macht – davon wollte ich mich befreien.“ Feministische Literatur, postkoloniale Diskurse, Aktivismus und die Auseinandersetzung mit der Klimakrise wurden zu wichtigen Bezugspunkten. Die eindeutige Abgrenzung zwischen Architektur und Kunst passt für Velt da nicht hinein, ebenso wie binäre Geschlechterzuschreibungen, die sich auch sprachlich nicht manifestieren sollen.

Fragen der Fürsorge und Andersartigkeit.
„Wie leben wir zusammen? Wer gehört zu diesem Wir? Und wie passen wir in diese Landschaften, in diese Körper, die wir haben?“ Fragen wie diese haben sich über die Jahre als zentral in Velts künstlerischem Schaffen herauskristallisiert und werden auch in der Selbstportraitserie „Den Hund halten“ sichtbar. Auf Aushubhügeln, in Abbaugebieten und anderen stark bearbeiteten, „verletzten“ Landschaften positionieren sich ein Mensch und ein Hund als Einheit. Zusammenleben, Fürsorge, Gleichwertigkeit werden sichtbar, eine fast performative Präsenz zweier Lebewesen. „Ich will dieses gemeinsame Sein in der Landschaft ausdrücken“, sagt Velt, „und zugleich aufzeigen, dass wir beide da eigentlich nicht hingehören.“ Und zwar nicht nur in den steinigen Berghang, sondern oftmals auch nicht in die Norm von Architekturen, Städten, gesellschaftlichen Rollen. Daran knüpft sich eine künstlerische Auseinandersetzung mit Fragen der Andersartigkeit (otherness) und der Verwandtschaft von Lebewesen (kinship), mit denen wir gemeinsam die Welt bevölkern. Theorien, die im internationalen Diskurs auch im Zusammenhang mit Klimaschutz heute sehr präsent sind.
Zur Theorie, die bei Velt mitunter in langen Texten mündet, braucht es immer auch das Arbeiten mit den Händen. So sind die „Weggefährtinnen/Companions“ entstanden, kleine Wesen aus Ton, die weder ein Gesicht noch ein klares vorne oder hinten haben, aber dennoch intuitive Reaktionen hervorrufen. Sie wollen berührt werden und berühren – wohl weil sie Assoziationen zu Tieren herstellen, aber zugleich nicht klar einordenbar sind. Als „Talisman, Handschmeichler, Begleiter für Freundinnen und Freunde“ bezeichnet sie Velt und erzählt von der anfänglichen Scheu, sich der Zuschreibung auszusetzen, „kleine, süße Figuren aus Keramik“ zu machen. Sie auszustellen sei ein vulnerabler Moment gewesen (im Kunstraum Schwaz, von Oktober 2024 bis Jänner 2025), hat aber schlussendlich die besondere Kraft der freundlich-aufmüpfigen, ernsten oder scheuen Figuren sichtbar gemacht. Eine gewisse Verletzlichkeit ist auch Velts Persönlichkeit eingeschrieben. „Weil ich mich als queere Person definiere, falle ich aus vielen Normen heraus. Mein Körper entspricht nicht dem Ideal von stark, gesund, perfekt funktionierend. Ich navigiere durch eine Welt, die nicht wirklich für mich gemacht ist.“ In der Kunst stellt Juri Velt diese Normen zur Diskussion. Eine kraftvolle Widerständigkeit liegt in den Arbeiten – politisch zu sein, heißt für Velt auch, Kunst in Zeiten wie diesen zu verteidigen, Beziehungen und Kooperationen als wertvolle Ressource zu pflegen und Fürsorge zu tragen für die Gemeinschaft der Lebewesen auf unserem Planeten.
In der Dezember/Jänner-Printausgabe des 20er haben wir im Text der Autorin Nicola Weber über Juri Velt in der Schlussredaktion einen Fehler eingebaut und Velt an einer Stelle fälschlicherweise mit dem Pronomen „er“ bezeichnet. Das tut uns leid.
In der Selbstportraitserie „Den Hund halten“ drückt Juri Velt das gemeinsame Sein zweier Lebewesen in der Landschaft aus und stellt zugleich Fragen nach Zugehörigkeit, Fürsorge und Andersartigkeit. (c) Juri Velt