Seit 50 Jahren auf Wohnungssuche

Von zivilgesellschaftlicher Improvisation zur unverzichtbaren Institution in Tirols Wohnungslosenhilfe: Seit 1975 hilft das DOWAS Menschen und zeigt auf, wo es hakt.

von Eva Schwienbacher
Menschen in der Maria-Theresien-Straße 2007: Protestpicknick gegen das Alkoholverbot. (c) DOWAS

Dass hier ein Zimmer frei ist, ist eine Seltenheit. Thomas Zott öffnet die Tür: Ein Bett aus Vollholz, ein Schrank, Tisch, Korbsessel, Kühlschrank und Fernseher. „Und ganz wichtig: Rollos.“ Zott ist einer von drei hauptverantwortlichen Sozialarbeitenden im Übergangswohnhaus des DOWAS (Durchgangsort für Wohnungs- und Arbeitslose). Lange stehen die Zimmer hier nie frei, denn die Wohnungsnot in Tirol ist groß – und betrifft auch immer mehr Menschen mit geregeltem Einkommen.

Im Übergangswohnhaus in der Völser Straße am Innsbrucker Mentlberg nahm die Geschichte des DOWAS 1975 ihren Anfang. „Das Land war damals tiefschwarz, patriarchal geprägt und konservativ“, erinnert sich Magdalena Melcher, langjährige Sozialarbeiterin und Finanzreferentin des gemeinnützigen Vereins, zurück. Es war die Zeit wichtiger Reformen, die langsam auch in Tirol ankamen. „Ein bunter Haufen“ aus engagierten Studierenden schloss sich damals zusammen, wie in der Festschrift steht, um arbeits- und wohnungslosen Jugendlichen in Innsbruck zu helfen. Sie mieteten das Haus in der Völser Straße und stellten es jungen Männern als befristete Unterkunft zur Verfügung. Ehrenamtlich besetzten sie Nachtdienste und organisierten Verpflegung. Der Grundgedanke war: Kontakt statt Ausschluss. „Inhaltlich ist das Übergangswohnhaus damals einzigartig und allein dem Engagement couragierter Menschen zu verdanken“, sagt Melcher. „Die Lücke an Angeboten schloss es aber nicht.“

Die Themen bleiben.
Mit der Anmietung des Hauses in der Völser Straße für wohnungs- und arbeitslose Jugendliche war der Grundstein für das DOWAS gelegt. (c) DOWAS

Aus einer Studierendeninitiative wurde drei Jahre später ein gemeinnütziger Verein und das Angebot mit den Jahren immer weiter ausgebaut. Heute betreibt das DOWAS neben dem Übergangswohnhaus noch 25 betreute Wohnungen mit Betreuungsbedarf, eine WG für Männer, eine Übergangswohnung für Familien und mit dem Chill Out eine eigene Einrichtung für Jugendliche. Hinzu kommen Sozialberatungsstellen in Innsbruck, Imst, Kufstein und Wörgl.

„Die Themen, mit denen Menschen zu uns kommen, sind seit 50 Jahren nahezu ident: Es geht um Wohnen, Finanzen und Arbeit“, bringt es Thomas Zott auf den Punkt. Beim Einzug ins Übergangswohnhaus wird gemeinsam ein individueller Plan erstellt. Je nach Bedarf gibt es Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, in der Schuldenregulierung, der Einrichtung der eigenen Vier-Wände oder Weitervermittlung an vereinseigenes betreutes Wohnen. „Ein Irrglaube ist, dass alle Wohnungslosen viel sozialarbeiterische Unterstützung benötigen. Das trifft auf einen Teil zu. Doch die meisten, die unsere Beratungsstellen aufsuchen, brauchen in erster Linie eine Wohnung.“

Die Not wird mehr.

Was sich allerdings in den letzten Jahrzehnten geändert hat, ist das Ausmaß der Betroffenen. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen: 2024 waren von 3.929 Menschen in der Beratung des DOWAS 1.800 wohnungslos, 2001 waren „nur“ 389 ohne Wohnung. Besonders hoch ist der Anstieg bei Familien und Menschen mit Erwerbseinkommen. „Früher war Arbeit ein guter Joker, eine Wohnung zu finden. Heute ist ein Einkommen keine Garantie mehr für eine Wohnung“, sagt Zott. Er erlebt oft absurde Situationen: Seit einem halben Jahr sucht etwa ein junger berufstätiger Mann aus Afghanistan, der im Übergangswohnhaus wohnt, eine Unterkunft. Er hat über 220 Anschreiben verschickt. Ohne Erfolg. Dass für ihn am Tiroler Wohnungsmarkt überhaupt so viele Wohnungen infrage kommen, liege an seinem vergleichsweise hohen Einkommen. Für die meisten Klientinnen und Klienten bleibt ob der hohen Mietpreise nur ein kleines Segment am Wohnungsmarkt.

„Früher war Arbeit ein guter Joker, eine Wohnung zu finden. Heute ist ein Einkommen keine Garantie mehr für eine Wohnung.“

Thomas Zott

Möglicher Weg.

„Die Idee des Übergangshauses ist, Menschen ein Sprungbrett zu sein – in die Arbeit, in ein selbstständiges Leben“, beschreibt Zott. Der Aufenthalt ist daher auf drei Monate befristet. Doch das Konzept gerät unter Druck: 2024 verbrachten erstmals alle Bewohnenden im Schnitt länger als drei Monate im Übergangswohnhaus, sodass andere abgewiesen werden mussten. Ob das Konzept angepasst werden muss? „Es braucht politische Lösungen, zum Beispiel für mehr gemeinnützige Wohnungen oder eine bessere Aktivierung des Leerstands“, meint Zott. Sorge bereite ihm die Novelle der Mindestsicherung in Tirol, wodurch unter anderem subsidiär Schutzberechtigte das Recht auf Hilfe verlieren. Es zeichne sich ab, dass noch mehr Menschen auf die Wohnungslosenhilfe angewiesen sind. „Steigende Wohnpreise bei gleichzeitigem Abbau der Sozialhilfe sind eine sehr besorgniserregende Entwicklung“, findet auch Melcher.

Glauben die beiden daran, dass es gelingt, bis 2030 Wohnungslosigkeit abzuschaffen, wozu sich Österreich und alle EU-Staaten verpflichtet haben? „Finnland zeigt, dass es funktionieren kann, wenn es auf nationaler Ebene einen Plan gibt“, sagt Melcher. Davon sei man in Österreich aber weit entfernt. Auch die Unterzeichnung der Charta zur Stärkung der Rechte von Wohnungslosen in Innsbruck sei gut gemeint. Nächtigungs- und Alkoholverbote stünden allerdings im krassen Gegensatz dazu.

„Es ist in der DNA des DOWAS, die Stimme zu erheben und zu kritisieren, was falsch läuft. Das werden wir auch weiterhin tun“, richtet Zott den Blick nach vorn. Deshalb will man auch zum Jubiläum ansprechen, wo es Verbesserung bedarf: etwa bei der Finanzierung des Vereins. Die Drei-Jahres-Förderverträge mit dem Land Tirol zählten zu den Meilensteinen in der Geschichte des DOWAS – gaben sie doch Planungssicherheit und eine Perspektive. Heuer muss der Verein nun erstmals mit einem einjährigen Vertrag haushalten. Melcher gibt sich kämpferisch: „2026 kommen wir durch. Danach braucht es wieder eine langfristige finanzielle Absicherung.“

AUSSTELLUNG
Noch bis 21. Februar ist im aut. architektur und tirol die Ausstellung „geld. macht. raum“ zu sehen, die die Geschichte des DOWAS ins Zentrum rückt und Einblicke in den österreichischen und Tiroler Wohnungsmarkt gibt.

Zum Abschluss der Jubiläums-Veranstaltungen findet am 28. Februar ab 18.30 Uhr ein Solifest in der p.m.k. statt.

Zahlen und Fakten

1.000 Wohnungen
hat das DOWAS in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam mit wohnungslosen Menschen angemietet.

62 Wohnplätze
bietet das DOWAS für Männer, Frauen, Familien mit Kindern und junge Erwachsene.

826,26 Euro
inklusive Betriebskosten betrug die durchschnittliche Miete für eine Garçonnière in Innsbruck im ersten Quartal von 2025. Das übersteigt die Mietobergrenze für eine Person im Tiroler Mindestsicherungsgesetz um 187 Euro. 2007 wurden am privaten Wohnungsmarkt im Schnitt 440,53 Euro für eine Garçonnière verlangt.

Quelle: DOWAS

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