Erst vor kurzem fand Valerie Fritz ihr Tagebuch aus Kindestagen wieder. „Ich bin schön. Ich bin etwas Besonderes“, schrieb die damals Achtjährige an und über sich selbst. Auch heute, 20 Jahre später, sieht man diese glückliche und lebensbejahende Seite der jungen Frau noch gut. „Es ist mein großes Glück, dass ich behütet aufwuchs und es mir nie an etwas gefehlt hat. Alle in meiner Familie leben gerne“, sagt sie. Ihre Zufriedenheit bis ins Erwachsenenalter führt sie auf den Rhythmus zurück, mit dem sie ihr Instrument, das Cello, bespielt, auf die Regelmäßigkeit und die Disziplin, mit der sie ihrer Musik nachgeht. „Wenn ich Cello spiele, bin ich aufgeräumt“, sagt Valerie Fritz.
Ihren Lebensweg bezeichnet sie als „klassisch“ für eine Musikerin. So waren schon ihre Eltern Musiklehrer und speziell in jungen Jahren sehr dahinter, dass sie regelmäßig übte. Ihre Mutter schrieb ihr damals sogar ein Stück namens „Geisterstunde“, das sie mit erweiterten Spieltechniken zeitgenössischer Musik vertraut machte. Vor Menschen zu spielen, ist Valerie Fritz schon lange gewohnt. „Seitdem ich 13 bin, verdiene ich mir mit der Musik etwas dazu. Für mich war immer klar, dass ich davon leben kann“, sagt sie. Nach dem Besuch des Musikgymnasiums Innsbruck bewirbt sie sich bei verschiedenen Unis, um dort Cello zu studieren. Weil es nicht sofort klappt, beginnt sie, an der Uni Salzburg Philosophie zu studieren. Das Studium hätte sie nach der Aufnahme an der Universität Mozarteum Salzburg zwar gerne weiterverfolgt, doch sie erkennt schnell, dass sie beidem gleichzeitig nicht so intensiv nachgehen kann, wie sie es für angemessen hält: „Ich will alles, was ich mache, zu 100 Prozent machen.“ Acht Jahre lang studiert sie Cello in Salzburg. In ihrer Ausbildung lernt sie, mit Kritik umzugehen. Ihre Lehrer sind im Umgangston und der Art, in der sie ihre Kritik vorbringen, oft nicht gerade einfühlsam. „Manchmal läuft man Gefahr, den eigenen Selbstwert an die Musik zu knüpfen“, sagt Fritz, die sich von negativen Erlebnissen aber nie runterziehen lässt: „Ich war immer schon sehr gut darin, zu erkennen, wenn eine Situation nicht gut für mich ist. Für mich einzustehen, das ist meine Superpower.“
Was bei Fritz im Gegensatz zu vielen anderen Musikerinnen auffällt, ist ihr Faible für zeitgenössische Musik. Am liebsten spiele sie neue Werke von Komponistinnen und Komponisten, die noch leben: „Ich möchte der Musik gerecht werden, sie so spielen, wie es der Komponist oder die Komponistin intendiert hat.“ Bei den alten Meistern könne man das nicht mehr sagen. „Musik ist ein Produkt der Zeit. Und Mozarts Zeit ist vorbei.“
„Musik ist ein Produkt der Zeit. Und Mozarts Zeit ist vorbei.“
Die Zeit von Valerie Fritz hat aber gerade erst begonnen. Dieses und letztes Jahr gingen für sie alle Türen auf. Sie erhielt ein Stipendium der Concerto21-Stiftung, wurde als ECHO Rising Star 2025/26 nominiert – eine Auszeichnung, die ihr Auftritte in den führenden Konzertsälen Europas ermöglicht. Im Herbst erschien ihre erste CD und gerade erst im November trat sie als Solistin mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie auf, ihr bisher größtes Engagement. Auch wenn ihre jahrelange Arbeit jetzt Früchte trägt, sie immer bekannter wird, ihr Cellospiel immer größere Wogen schlägt, ist sie die geblieben, die sie immer war. „Ich bin immer noch die Gleiche und ich mach das Gleiche. Alles hat für mich die gleiche Wertigkeit, ob ich vor zehn Menschen spiele oder vor tausend.“ Aber der Druck, vor einem großen Publikum zu spielen, ist natürlich ein anderer, speziell jetzt, wo alle genau hinschauen und hinhören. Aber im Endeffekt sind die Live-Konzerte das, wofür sich Valerie Fritz so gut wie jeden Tag stundenlang mit ihrem Instrument beschäftigt: „Musik machen, ist mehr als daheimsitzen und üben. Konzerte sind Gemeinschaftserfahrungen, es geht um den Austausch zwischen mir und dem Publikum.“ Um einen Ausgleich zu den vielen Übungsstunden und Auftritten zu finden, meditiert Fritz jeden Tag, findet ihre Ruhe und Rückzugsorte bei Freunden und bei ihrer Familie, die zum 20er eine besondere Verbindung hat.
Vor etwa zehn Jahren verkaufte eine Frau namens Stella die Tiroler Straßenzeitung in Mutters und freundete sich so mit der Familie Fritz an. Stella bekam eine Tochter: Anna. Nachdem Stella tragischerweise sehr jung und unerwartet verstarb, entschied sich die Familie Fritz dazu, das kleine Mädchen bei sich aufzunehmen. Heute ist Anna acht Jahre alt. Valerie Fritz nennt sie ganz selbstverständlich „meine Schwester“.
Valerie Fritz ist einer von zwölf Tiroler Lichtblicken. Die anderen 11 finden Sie in der aktuellen Ausgabe des 20er!
Valerie Fritz fotografiert in ihrer Innsbrucker Wohnung. (c) Nicolas Hafele