Wäre Jussuf Windischer Autor und schriebe über sein Leben, so würde sein Werk wohl eine ganze Bücherwand füllen. Von der Mitgründung des Vereins DOWAS (Durchgangsort für Wohnungs- und Arbeitssuchende) sowie des Jugendzentrums Z6 über die Leitung der Mentlvilla bis hin zum Waldhüttl – wie kaum ein anderer prägte er seit Jahrzehnten die soziale Arbeit in Tirol. Selbstbeweihräucherung war für ihn dabei jedoch nie eine Option.
Ein Leben lang im Büro dahinzuvegetieren, ohne direkten Menschenkontakt, kam für ihn nie in Frage. Der studierte Theologe plädiert für aktive Sozialarbeit, die sich von innen heraus entfaltet und nicht etwa vom Schreibtisch herab delegiert wird. „Es ist ein wahnsinniger Segen, wenn man Menschen begegnen kann, weil es einfach eine wunderschöne Erfahrung ist“, sagt er.
Geprägt hat Jussuf Windischer dabei vor allem die Entwicklungsarbeit in Brasilien, wo auch zwei seiner vier Söhne geboren wurden. Am Amazonas mit indigenen Völkern zu arbeiten, lehrte ihn einiges über Politik, Widerstand und Verfolgung. Schnell begann er, zu relativieren: Genügend Nahrung, ein Obdach, glückliche Kinder – alles keine Selbstverständlichkeiten.
Nicht zuletzt war es auch die eigene Familie, die Jussuf erdete und zu Hause aus dem träumerischen Sozialarbeiter wieder einen aufmerksamen Vater machte. Ehefrau Vroni hatte in der Beziehung oft den Part der Realistin inne und zeigte ihm, dass ein Tag nur 24 Stunden hat. Sie trug die Arbeit im sozialen Bereich mit und das Paar ergänzte sich gegenseitig.
Im pastoralen Dienst wirkte der überzeugte Christ nicht nur als Religionslehrer, sondern stellte sich als Gefängnisseelsorger vor allem auch der Herausforderung, den Insassen gegenüber ein unvoreingenommener und offener Gesprächspartner zu sein. „Wichtig ist immer, den Menschen zu sehen, denn auch ein Verbrecher hat etwas Gutes in sich, das man herauskehren kann“, findet er.
Während man den Herbst des Lebens oft als Ruhephase betrachtet, brachte Jussuf Windischer die im Zuge seiner Pensionierung wiedergewonnene Zeit in Aufbruchsstimmung. Sein Wunsch: einmal richtig frei arbeiten – ohne Subventionen oder Personal. Der Weg dorthin begann vor ein paar Jahren beim Caritas-Integrationshaus in Innsbruck, wo obdachlose Roma und Romnja, die hauptsächlich als 20er-Verkaufende, Musikschaffende oder Pantomimedarstellende in und um Innsbruck tätig waren, ihre Autos abstellen durften, um darin zu schlafen. Später diente die angrenzende Kapelle in der kälteren Jahreszeit als Übernachtungsmöglichkeit, was laut Windischer anfangs von einigen Leuten als Spinnerei abgetan wurde.
Es war wohl die einzige Kirche Tirols, die Tag und Nacht offen und beheizt war und zu Stoßzeiten bis zu 30 Menschen über Nacht aufnahm. Gleichzeitig wurde auf einen respektvollen Umgang mit der religiösen Stätte Wert gelegt. „Das ewige Licht brannte, und nachdem die nassen Socken der Bewohner aufgehängt und getrocknet waren, schwenkte man das Räucherfass, um den Geruch zu neutralisieren“, erzählt der 78-Jährige. „Morgens wurde dann im Integrationshaus am Kaffeeautomaten munter geplaudert. Der liebe Gott hatte es wohl zu dieser Zeit nicht langweilig mit uns.“
„Wichtig ist, den Menschen zu sehen.“
In weiterer Folge kamen Container mit vollwertigen Betten dazu. Als Jussuf Windischer von einer mehrwöchigen Reise aus Brasilien zurückkehrte, hatte man die Container allerdings ohne sein Wissen abgebaut. Der Parkplatz war hingegen voller denn je. Und so zückte Jussuf Windischer sein Telefon und fragte beim Stift Stams um Unterstützung an. Das Stift Stams stellte daraufhin einen in die Jahre gekommenen Bauernhof am Mentlberg in Innsbruck sowie das dazugehörige Grundstück im Rahmen eines Bittleihvertrags kostenlos zur Verfügung. Jussuf Windischers Idee: Statt (Über-)Leben am Parkplatz soll ein Ort entstehen, der nicht nur Obdach bietet, sondern vor allem ein ordentliches Zuhause darstellt.
Schließlich arbeiteten einige der Roma gemeinsam mit zahlreichen helfenden Händen und dem Dachverband der Tiroler Vinzenzgemeinschaften hart daran, das Gebäude bewohnbar zu machen. Feierlich eröffnet wurde die Herberge am 16. November 2012, mittendrin war auch Jussuf, der rastlose Pensionist und nunmehr Obmann des Waldhüttls.
Er betont bis heute, dass das Waldhüttl kein Projekt ist, sondern als Prozess zu verstehen sei. Im Gegensatz zu einem Projekt, das im Vorfeld bürokratisch und im Detail ausgearbeitet wird, entfaltet sich das Waldhüttl spontan und von innen heraus. Getragen wird die Gemeinschaft von drei Säulen: der sozialen, der ökologischen sowie der kulturellen. Die Rede ist hier nicht von Klienten oder Objekten, sondern von Bewohnern, die würdig leben und ihre Freude mit anderen Menschen teilen möchten. Der Zukunft blickt Jussuf Windischer äußerst positiv entgegen: Während Sozialarbeit früher mit hartem Betteln um Fördergelder und engstirniger Politik assoziiert wurde, kann heute von einem professionellen Umfeld mit zahlreichen Einrichtungen gesprochen werden. Als Institution, deren Türen stets offenstehen, ließe sich auch Jussuf Windischer betiteln. Wenn nämlich ein Pensionist von etwas genügend zur Verfügung hat, so ist er überzeugt, dann ist es freie Zeit.
Jussuf Windischer ist einer von zwölf Tiroler Lichtblicken. Die anderen 11 finden Sie in der aktuellen Ausgabe des 20er!
Jussuf Windischer am Gelände des Waldhüttl. (c) Nicolas Hafele