Mit einem Freund, der bisher noch nie etwas von Thomas Bernhard gelesen oder gesehen hat, besuchte ich Mitte Februar die Vorstellung von „Heldenplatz“ am Tiroler Landestheater. Nur wenige Tage später schickte er mir ein Foto, auf dem Bernhards Werke „Holzfällen“, „Auslöschung“ und eben „Heldenplatz“ zu sehen waren, die er sich gerade gekauft hatte. Im Vorfeld der Vorstellung und auch vor diesem Text stellte ich mir eine Frage, die sich rein dadurch beantwortete: Welche Relevanz hat dieses 1988 uraufgeführte Stück knapp 40 Jahre später überhaupt noch?
Viel mehr als bei manch anderen Stücken, die außer oberflächlichem Beifall oder ebenso oberflächlicher Missgunst bei geübten Hochkulturkirchgängern nichts auslösen, führt „Heldenplatz“ bereits im Saal und vor allem in der Pause zu starken Reaktionen. Heute wie damals transzendiert Bernhards Stück die vermeintliche Grenze zwischen Publikum und Bühne, Fiktion und Realität. Denn das Theater, das er beschreibt, hört nicht auf, wenn der Vorhang zugeht. Manche schauen betreten in ihren Grünen Veltliner. Andere echauffieren sich bei ihren Kulturbekanntschaften, dass der Bernhard nicht so übertreiben solle und dass das alles nichts mit ihnen zu tun hätte. Andere kommentieren Bernhards Diagnose, dass in Österreich 6,5 Millionen Debile leben würden, die sich durch ihren Katholizismus, ihren Nazismus oder eine perfide Mischung aus beidem auszeichnen würden, mit einem: „Ja, eh. Es ist eigentlich noch schlimmer geworden.“
Welche Relevanz hat dieses 1988 uraufgeführte Stück knapp 40 Jahre später überhaupt noch?
Es war einmal.
Die Wahl der künstlerischen Leitung, „Heldenplatz“ dieses Jahr aufzuführen und nicht erst 2028, wenn sich die sagenumwobene Premiere zum 40. Mal jähren würde, ist durchdacht. Denn 1986 übernahm nicht nur Claus Peymann die Rolle des Direktors am Wiener Burgtheater. Es war auch das Jahr, in dem Jörg Haider am Innsbrucker Parteitag der FPÖ zum Obmann und das ehemalige SA-Mitglied Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt wurden. Unter Historikern gilt es außerdem als Wendepunkt im österreichischen Geschichtsbewusstsein. Das Narrativ, dass Österreich der Moskauer Deklaration von 1943 folgend das erste Opfer Hitler-Deutschlands gewesen sein soll, wurde zusehends revidiert. Diese Entwicklungen waren der Nährboden, auf dem Bernhard sein Stück auf Bitte Peymanns aus zweierlei Anlässen schrieb: 100 Jahre Burgtheater und 50 Jahre Anschluss.
Vernichten.
Die heimischen wie globalen Zustände machen es leider sehr leicht, Überschneidungen zwischen damals und heute zu finden. Wieder haben wir es hierzulande mit einer erstarkenden FPÖ zu tun, die in aktuellen Umfragen Haiders Wahlergebnisse am Höhepunkt in den Schatten stellt. Gleichzeitig werden die Verbrechen Israels zum Anlass genommen, um Antisemitismus wieder salonfähig zu machen. Genau hier hakt Bernhards Werk ein, das trotz seiner Übertreibungen und Verallgemeinerungen nie schwarz und weiß ist. Die jüdische Familie Schuster, die sich kurz nach dem Selbstmord des Patriarchen Professor Josef Schuster in dessen Wohnung am Heldenplatz einfindet, ist vieles: Sie besteht aus Vertriebenen, die nach Heimat suchen. Ihre Mitglieder widersprechen sich ständig selbst, teilweise im gleichen Satz. Sie verachten alles und jeden, der ihrem intellektuellen Niveau nicht genügt. Sie suchen nach Ruhe und Halt, treffen aber überall auf seelische, körperliche und letzten Endes absolute „Vernichtung“ – eines der am häufigsten wiederholten Wörter im Stück und wohl auch in Bernhards Bibliografie allgemein.
Dynamik eines Zerfalls.
In der ersten Szene unterhalten sich die Hausangestellten Frau Zittel und Herta über den Menschen Professor Josef Schuster, über die Vergangenheit und Näheverhältnisse sowie Beziehungen in der Familie. Sie bilden das Grundgerüst für das restliche Stück, das in der zweiten Szene richtig Fahrt aufnimmt. Denn erst in ihr betritt die eigentliche Hauptperson, Professor Robert Schuster, der Bruder des Verstorbenen Josef, die Bühne. Er ist das essenzielle Abbild dieser Familie, das alle Widersprüche in sich vereint. Ein intellektuelles Bollwerk ohne Ziel, ein Revolutionär, der mit allem abgeschlossen hat, ein ewig Heimatloser mit einem großen Anwesen im niederösterreichischen Neuhaus. Mit seinem Auftritt beginnt auch das Bühnenbild, sich zu bewegen, zu drehen. Die Bewegungen im Dialog werden zu Bewegungen auf der Bühne. Christoph Kail spielt diesen Professor Robert Schuster so packend und einnehmend, dass ich schon vor dem Stück, bei alleiniger Betrachtung der Pressefotos, unbedingt mit ihm reden wollte. Mit textintensiven Stücken am Tiroler Landestheater ist Kail bereits vertraut, nachdem er schon 2024 bei „Café Schindler“ mitwirkte, das Ende April dieses Jahres wieder ins Programm aufgenommen wird. Für dieses wie auch für „Heldenplatz“ zeichnet sich mit Jessica Glause dieselbe Regisseurin verantwortlich.
„Auch ich habe, wie wohl wir alle, eine tiefe Ambivalenz in mir“
Christoph Kail, Schauspieler
„Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“, steht auf der Website von Christoph Kail unter einem Porträtfoto, das an Mads Mikkelsen erinnert. „Ja, das ist von Perikles, aber das ist nicht alles“, sagt er zu mir, zückt sein Handy und ergänzt: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ Man würde meinen, dass er damit vielleicht den Mut meint, den es braucht, um sich seit mehr als 30 Jahren allabendlich vor Aberhunderten Menschen zu exponieren. Für Kail scheint dieser Spruch jedoch mehr zu sein als ein platzfüllendes Credo. Er verkörpert seine Einstellung zum Leben, das er mit seinen ruhigen Augen sorgfältig wahrzunehmen weiß. Bei seiner Arbeit, sagt er, beginnt der Mut bei den Proben, wo er verschiedene Dinge anbieten, sich ständig ausprobieren und neu erfinden möchte. Wenn er über Bernhards Texte spricht, glaube ich doch, dass der Mut da beginnt, wo man sich einem Stück Text und seinem Autor vollkommen hingibt.
Bernhard ist gemeinsam mit Beckett und Büchner einer seiner Lieblinge, die drei „Bs“, wie er das Triumvirat nennt. Auf die Schwere des Stoffs angesprochen, meint er, dass man sich bei Bernhard schon fast in eine Depression hineinlesen könnte. Deshalb las er, während er sich mit Heldenplatz beschäftigte, parallel Viktor E. Frankls Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ über dessen Zeit im Konzentrationslager Türkheim. Diese Kombination vereine für ihn etwas zutiefst Menschliches, das Zwischenspiel von Zerrissenheit und Hoffnung, von Verzweiflung und Aufbruch. „Auch ich habe, wie wohl wir alle, eine tiefe Ambivalenz in mir“, sagt er. Die Rolle des Professors ist eine der schönsten, die er bisher spielen durfte. Das liege nicht zuletzt an der hohen Musikalität der Sprache, die oft mehr komponiert, als bloß geschrieben wirkt.
Alles endet, aber nie die Musik.

Neben dem starken Ensemble, dem beeindruckenden Bühnenbild sowie den bisher noch nicht erwähnten, aufreibenden, eigens für das Stück geschriebenen Texten von Elias Hirschl, die von einem Bürgerinnenchor über „Heldenplatz“ verteilt vorgetragen werden, nimmt auch die Musik von Mira Lu Kovacs eine tragende Rolle ein. Atmosphärisch prägend und punktuell in stimmungsuntermalende Liedereinlagen mündend, bespielt die mit „My Ugly Clementine“ im deutschsprachigen Raum bekannt gewordene Musikerin alle Tasten auf der emotionalen Klaviatur, die Bernhards letztes großes Werk bereithält.
Wer nach drei Stunden das Theater wieder verlässt, tritt nicht verändert und mit anderen Augen in eine neue Welt. Aber er oder sie kann wieder ein bisschen besser, die Zustände klarer sehen. Und das ist viel wert.
Weitere Termine: „Heldenplatz“, Tiroler Landestheater: 6.3., 19.3., 21.3., 27.3., 8.4., 11.4.
Christoph Kail spielt Professor Robert Schuster mit einer ungeheuren Präsenz. (c) Marcella Ruiz Cruz