„Man ist immer Gefangener des Augenblicks“

Wie lässt sich ein Krieg analysieren, der moralisch kaum auszuhalten ist? Russland-Experte Gerhard Mangott spricht über das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Distanz, persönlicher Betroffenheit und einer europäischen Russlandstrategie jenseits von Illusionen.

von Jakob Häusle
Gerhard Mangott lehrt und forscht an der Universität Innsbruck. (c) Nicolás Hafele
Herr Mangott, Sie haben seit Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 über 3.000 Interviews gegeben. Das sind im Durchschnitt mehr als zwei pro Tag. Wie schaffen Sie das?

Gerhard Mangott: Dieser Krieg geht natürlich auch an einem Analytiker wie mir nicht spurlos vorbei. Selbst wenn ich versuche, sachlich und nüchtern zu bleiben, ist diese ständige Auseinandersetzung emotional belastend. Was mir die Kraft gibt, weiterzumachen, ist mein Selbstverständnis als Politologe: Ich versuche stets, die Lage, und wie sie sich entwickeln könnte, für eine möglichst breite Öffentlichkeit verständlich darzulegen. Und über verschiedene Medien erreicht man unterschiedliche Menschen. Deswegen sage ich auch fast nie ein Interview ab.

Sie beschäftigen sich bereits Ihr ganzes akademisches Leben lang mit Russland. Wie kam es dazu?

Es begann zufällig. Als ich 1984 mein Studium der Politikwissenschaft begann, wollte ich eigentlich Frankreich-Experte werden – ich war fasziniert von der Philosophie, Literatur und Musik. Aber ich hatte einen Professor, einen Exil-Tschechoslowaken, namens Zdeněk Mlynář, der ein Freund von Michail Gorbatschow war. Er konnte Dinge erzählen, die man nirgendwo sonst las oder hörte. Und er war damals auf der Suche nach einem Schüler und glaubte, ihn in mir gefunden zu haben. Er hat mich damals in diese Richtung gestoßen, viel Überredung brauchte es nicht. 1986 spezialisierte ich mich auf die Sowjetunion und später auf Russland. Die Geschehnisse dort begleiten mich also schon 40 Jahre lang.

Viele sagen heute, dass man Putins Ziele und diesen Krieg schon kommen sehen hätte müssen, als er im Jahr 2000 Präsident wurde. Wie sehen Sie das?

2022 schon im Jahr 2000 „angelegt“ zu sehen, halte ich für geschichtsvergessen. Innenpolitisch war zwar damals schon klar, dass Putin autoritär regieren würde. Er hat die Macht rezentralisiert, das Parteiensystem manipuliert, die Duma gleichgeschaltet, die Medien kontrolliert und Oligarchen aus der Politik gedrängt. Aber außenpolitisch ist die Rückschau oft „dumm“: Am Anfang strebte er kooperative Beziehungen zum Westen an. Seine überall gefeierte Rede im Deutschen Bundestag 2000 war nicht nur Show, sie war ernst gemeint. Putin teilte nie den westlichen Wertekanon, wollte aber Russland wieder zur Großmacht machen und brauchte dafür den Westen. 2007 gab es einen erklärten Bruch mit Putins Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, seither hegt er dem Westen gegenüber großes Misstrauen. Spätestens 2008 war allerdings klar: Er betreibt eine revisionistische, aggressive Außenpolitik. Und die Invasion der Ukraine 2022 war der Kulminationspunkt seiner Radikalisierung.

Hätte die internationale Staatengemeinschaft nach der Annexion der Krim 2014 anders reagieren sollen?

Zuerst: Die „internationale Staatengemeinschaft“ gibt es so nicht. Es gibt Staaten mit Interessen, die sich manchmal überschneiden. Zur Frage: Ich glaube nicht, dass 2022 schon im Jahr 2014 feststand. Aber die Versuche, den Konflikt in der Ostukraine zu lösen, waren unzulänglich. Russland nutzte Minsk II (Minsker Friedensabkommen, Anm.), um die Ukraine politisch zu kontrollieren. Aber auch die Ukraine erfüllte den Plan nicht. Präsident Selenskyj wollte den Minsk-Prozess Anfang 2021 eigentlich beenden, weil er die Verpflichtungen als aufgezwungen empfand. Rückblickend hätte man zwischen 2014 und 2022 vielleicht anders steuern können, sodass es vielleicht nicht zu diesem großen Krieg gekommen wäre. Aber aus der Rückschau kann man das natürlich immer leicht sagen. Man ist immer Gefangener des Augenblicks und unsicher über die Zukunft.

War für Sie der Ausbruch des Kriegs damals eine Überraschung?

Im Jänner 2022 habe ich gesagt, Gewalt sei sehr wahrscheinlich. Ich dachte aber, es bleibe auf den Donbass beschränkt. Dass Russland die Ukraine an mehreren Fronten angreift, hielt ich für einen strategischen Fehler – ich hätte die russische Führung für rationaler gehalten. Erst als Russland am 21. Februar die Unabhängigkeit der „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk anerkannt hat, war mir klar: Das wird ein großer Krieg. Drei Tage später begann er.

Hätte die Ukraine zu Beginn des Krieges Russland nicht einfach den Donbass, sprich Donezk und Luhansk, hergeben sollen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern?

Es gab Argumente dagegen. Militärisch etwa die Topografie, die Gefahr eines schnellen russischen Vormarsches bis zum Dnipro. Und politisch hätte man so den Aggressor belohnt und die Logik akzeptiert, dass der Stärkere Fakten schafft. Moralisch kann man sagen, dass Menschenleben wichtiger als Territorium sind. Aber dann kommt die Frage: Wie hätten Menschen unter russischer Besatzung gelebt? Und vor allem: Wäre Putin zufrieden gewesen? Ich glaube, Putins Ziel ist nicht zwingend die totale territoriale Kontrolle, sondern eine Ukraine mit beschränkter Souveränität – eine Ukraine, die russische Grundinteressen akzeptiert.

Moralisch kann man sagen, dass Menschenleben wichtiger als Territorium sind. Aber dann kommt die Frage: Wie hätten Menschen unter russischer Besatzung gelebt? Und vor allem: Wäre Putin zufrieden gewesen?

Viele sagen, dass die Ukraine allein deswegen den Krieg gewinnen muss, weil der Rest von Europa sonst als nächstes dran ist. Also wir.

Ich halte das eher für ein Angstnarrativ, das verwendet wird, um die hohen durch Schulden finanzierten Rüstungsausgaben zu rechtfertigen und die Akzeptanz für die Unterstützung der Ukraine in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Das „Ivan steht morgen vor deiner Wohnungstür“-Narrativ zu verbreiten, legitimiert diese Kosten. Vor Kurzem sagte NATO-Generalsekretär Mark Rutte, dass wir uns auf einen Krieg vorbereiten müssen, wie ihn unsere Großeltern erlebt haben und wir Russlands nächstes Ziel sind. Da frage ich mich, wie weit dieses Angstnarrativ noch gehen soll.

Sie teilen diese Einschätzung also nicht?

Nein, ich glaube nicht, dass eine Aggression Russlands gegen einen NATO-Staat wirklich so wahrscheinlich oder, wie manche tun, sogar völlig sicher ist. Die europäischen NATO-Armeen müssen sich in Sachen Gerät und Personal besser rüsten, um abschreckungs- und verteidigungsfähig gegenüber Russland zu werden – das bestreite ich nicht. Aber gleichzeitig finde ich, dass dieses Angstnarrativ der Wirklichkeit nicht angemessen ist und als politischer Hebel genutzt wird.

Sie werden von manchen als „Putin-Versteher“ bezeichnet. Wie gehen Sie damit um?

Max Weber sagte, dass das Erklären die Aufgabe des Wissenschaftlers ist, nicht das Rechtfertigen. Das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Es geht darum, zu verstehen, nicht um Verständnis. Ich muss mir sehr viel anhören: Vor drei Tagen war ich der „russische Hurensohn“, letzte Woche der „russische Bastard“. Russentrolls nennen mich einen „ukrainischen Nazi-Freund“. Viele sagen, dass ich nah an der russischen Position dran sei. Das stimmt nicht – aber es wird so wahrgenommen, weil ich versuche, nicht Partei zu ergreifen, sondern analytisch zu bleiben.

Warum ist Ihnen diese Distanz so wichtig?

Weil sonst ein Teil des Publikums sagen würde, dass man mich als proukrainisch wahrnimmt, und mir nicht glauben würde, sollte ich etwas Positives über die Kriegsleistung der Ukraine sagen. Eine solche Außenwahrnehmung würde also meine Glaubwürdigkeit schädigen. Als Analytiker muss es mir – so hart das klingt – gleichgültig sein, wer gewinnt. Als Bürger und Mensch ist das etwas anderes. Viele Kolleginnen und Kollegen sagen, dass die Ukraine gewinnen muss. Moralisch kann ich das nachvollziehen. Analytisch halte ich eine nüchterne Position für nützlicher.

Wenn man sich die aktuellen Debatten zum Krieg ansieht, werden alle möglichen Kriegsverläufe prognostiziert. Ist das sinnvoll?

Ich bin eher für Szenarien. Also etwas könnte passieren, wenn A und B eintritt. Definitive Prognosen sind speziell für einen Wissenschaftler problematisch. Ich habe im Juni 2025 gesagt, der Krieg werde auf dem Schlachtfeld entschieden. Ich glaube das weiterhin, aber so definitiv hätte ich es nicht sagen sollen. Aber der Kern bleibt bestehen: Ich sehe derzeit keine Verhandlungslösung.

Worüber kaum gesprochen wird, ist, wie man mit Russland umgehen soll, wenn der Krieg vorbei ist.

Das ist ein großes Problem. Momentan sieht es so aus, als würde die Frostperiode mit Russland nach dem Ende des Krieges einfach weitergehen. Das finde ich zu dürftig für ein so veritables Sicherheitsproblem, das wir auch nach dem Krieg haben werden. Es geht mir nicht darum, dass man Russland „heimholt“, die Vergangenheit vergisst und alles wieder gut ist. Sondern darum, wie wir in Zukunft pragmatisch nebeneinander leben und die Probleme lösen können, die wir gemeinsam haben. Darüber muss nachgedacht werden.

Es geht mir nicht darum, dass man Russland „heimholt“, die Vergangenheit vergisst und alles wieder gut ist.

Was schlagen Sie vor?

Ich glaube, die politische oder die diplomatische Isolation sollte man nicht aufrechterhalten. Man muss wieder ins Gespräch kommen. Es gibt ja keine diplomatischen Kanäle mehr zwischen der Europäischen Union und Russland. Die große Differenz wird natürlich weiterbestehen. Und auch die perzipierte und auch tatsächliche Konstellation von zwei Gegnern wird sehr, sehr lange bleiben. Jedenfalls so lange, wie Wladimir Putin an der Macht ist. Aber am wichtigsten ist, dass man wieder beginnt, miteinander zu sprechen.

Wird das für ein friedvolles Nebeneinander ausreichen?

Nein, dabei kann es nicht bleiben. Auch nicht, wenn Russland diesen Krieg militärisch für sich entscheidet. Die Frage ist, will man wieder einen Kalten Krieg mit einem höheren Eskalationspotenzial zu einem heißen Krieg oder versucht man zumindest, einen kalten Frieden zu erreichen?

Alle Szenarien, in denen das Wort Frieden vorkommt, wären wohl besser als dieser Krieg.

Mittlerweile ist es ja schon fast verpönt, das zu sagen. Vor Kurzem las ich in einem deutschen Medium tatsächlich das Wort „Friedensangst“. Es ging darum, dass im Hinblick auf das Rüstungsunternehmen Rheinmetall die große Friedensangst ausgebrochen wäre. Denn ohne den Krieg hätte der Rüstungskonzern nicht mehr so gute Verkaufszahlen. „Friedensangst“ ist für mich das Unwort des Jahres.

Vielen Dank für das Gespräch.

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