Mehr als 800 Millionen Menschen weltweit kommunizieren inzwischen wöchentlich mit Chat-GPT. Was bedeutet das für unsere echten Beziehungen?
André Hajek: Es kommt darauf an, wie wir KI-Tools nutzen. Informieren wir uns über aktuelle Kinovorführungen oder Restaurantöffnungszeiten, wird das unsere sozialen Kontakte nicht beeinträchtigen. Wenn wir Chatbots aber als Ersatz für interpersonelle Kommunikation sehen, so hat das Folgen.
Welche?
Wir haben festgestellt, dass Menschen, die sich wöchentlich oder öfter mit der KI unterhalten – über ihr Gefühlsleben zum Beispiel oder ihren Tag – einsamer und isolierter leben. Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, wir müssen erst weiter forschen. Doch alles weist auf einen Zusammenhang hin. Menschen, die KI als Gesprächspartner nutzen, ziehen sich typischerweise aus dem Gesellschaftsleben zurück.
Betrifft das alle Altersgruppen gleichermaßen?
Nein, wir haben es primär bei jungen Menschen und bei Männern festgestellt. Wer in einer prägenden Lebensphase echte Kontakte durch Chatbots und KI-Tools ersetzt, der läuft Gefahr, zu verlernen, wie man mit anderen Menschen in Kontakt tritt. Man darf nicht vergessen: Wir haben mit der KI eine stark unidirektionale Beziehung. Wir holen uns, was wir brauchen. Wir geben nichts zurück. Genau darin liegt aber der Schlüssel für zwischenmenschliche Kommunikation.
Können Sie das konkretisieren?
Beziehungen beruhen auf Gegenseitigkeit. Nicht immer gefällt uns, was unser Gegenüber sagt. Aber so lernen wir dazu, kommen zu neuen Einsichten. Die KI liefert uns Sprachübersetzungen, Ernährungsanleitungen oder Tipps zur Körperoptimierung. Sie wird uns keine Kritikfähigkeit lehren.
„KI lehrt uns keine Kritikfähigkeit“
Weshalb sind Männer besonders gefährdet?
Das haben wir uns auch gefragt. Wahrscheinlich hat es mit den Coping-Skills, also mit Bewältigungsstrategien, zu tun. Frauen holen sich eher Hilfe von außen und sprechen mit anderen Menschen über ihre Probleme. Männer sind eher gefährdet, auf technische Lösungen zurückzugreifen.
Laut einer Studie von Saferinternet.at nutzt bereits ein Drittel aller Jugendlichen KI für den sozialen Austausch. Davon sagt ein Viertel, dass es lieber mit KI als mit echten Menschen spricht. Ein Grund zur Sorge?
Ich glaube schon. Es entsteht eine gewisse Konfliktvermeidung. Der gesteigerte Medienkonsum führt zu Einsamkeit und sozialer Isolation, die wiederum Stresssymptome und Entzündungsprozesse im Körper auslösen. Betroffene sind anfälliger fürs Trinken und Rauchen. Sie treiben weniger Sport. Das begünstigt chronische Krankheiten und verringert die Lebenserwartung. Spinnt man das über 20 bis 30 Jahre weiter, so kann eine Volkswirtschaft wirklich Schaden nehmen.
Für ältere Menschen gibt es schon einige „soziale“ Roboter, die entwickelt wurden, um Einsamkeit zu reduzieren. „ElliQ“ zum Beispiel initiiert Gespräche, schlägt Aktivitäten wie Musikhören oder Gedächtnistraining vor und erinnert an Medikamente. Ist das nicht sinnvoll?
Wir sprechen dabei in der Regel von der Bevölkerungsgruppe über 75, 80 Jahre, typischerweise pflegebedürftig oder sogar im Heim lebend. Wenn die Mobilität eingeschränkt ist und Besuche aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr so einfach sind, dann können Chatbots förderlich sein. Allerdings fehlen auch hier valide Untersuchungen über einen längeren Zeitraum. Die Anwendungen sind sehr neu. Ich würde immer raten, persönliche Kontakte zu Freunden oder Angehörigen vorzuziehen.
Wenn die Enkelin im Altersheim vorbeischaut, wird sich Großmutter sicher mehr freuen, als wenn sie mit einem Roboter spricht. Doch viele haben nicht die Wahl.
Es geht immer darum, was die Alternative ist. Hat man gar niemanden, mit dem man sprechen kann, ist die KI sicher besser als nichts. Ersetzen kann sie Menschen allerdings nicht. Was Einsamkeit betrifft, geht es meist primär um die Qualität der Kontakte, weniger um die Quantität.
Ich habe einen Chatbot gefragt: „Ich fühle mich einsam. Was kann ich tun?“ Was denken Sie, was der KI-Assistent geantwortet hat?
Wahrscheinlich hat er geantwortet, Sie sollen physische Aktivität machen und den Kontakt mit anderen Menschen suchen, zum Beispiel in Vereinen oder durch ein Ehrenamt. Gut möglich, dass Ihnen auch ein Hund als Hobby vorgeschlagen wurde.
Nicht ganz. Die KI lobte zunächst, dass ich mutig sei, meine Einsamkeit auszusprechen, und forderte mich auf, Soforthilfe zu suchen und lokale Angebote wie Stadtteiltreffs wahrzunehmen. Was hat es mit dem Hund auf sich?
Die Antwort ist nicht schlecht. Die Telefonseelsorge geht allerdings mehr in den Bereich der mentalen Gesundheit. Wer einsam ist, muss nicht entsprechend belastet sein. Einsamkeit heißt erst einmal nur, dass bestehende soziale Kontakte als unzureichend empfunden werden. Es gibt einige Studien, die auf die positiven Effekte von Hunden verweisen: Wer einen Hund hat, ist gezwungen, das Haus zu verlassen, sich zu bewegen. Man trifft dann unweigerlich andere Menschen. Und auch das Tier ist ein dankbares Gegenüber.
Die Philosophin Eva Weber-Guskar plädiert dafür, KI-Bots als eine neue Art von Beziehung zu betrachten. Sie spricht von transsozialen Kontakten. Was halten Sie davon?
Ich bin zu wenig Philosoph, um das beantworten zu können. Es stimmt, dass Chatbots immer menschlicher, immer empathischer werden. Sie haben selbst das Beispiel gebracht, dass die KI Sie gelobt hat, als Sie ihr eine Frage stellten. Wer weiß, wo uns das in Zukunft hinführen wird. Ich bin altmodisch: KI-Bots auf die gleiche Ebene wie Menschen zu stellen, halte ich für gefährlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das förderlich für unsere mentale Gesundheit ist.
Wenn die KI uns nicht aus der Einsamkeit helfen kann – was dann?
Vielfältige Aktivitäten, die uns verbinden; von Kunst bis Teamsport. Haustiere können uns helfen, freiwillige Tätigkeiten ebenso. Manchmal sind es auch triviale Dinge: eine Brille oder ein Hörgerät. Entspannungstechniken helfen, auf andere Gedanken zu kommen. Das alles setzt voraus, dass man bereit ist, die Komfortzone zumindest ein wenig zu verlassen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen März-Ausgabe zum Thema Wege aus der Einsamkeit.
André Hajek hält es für gefährlich, KI-Bots auf die gleiche Ebene wie Menschen zu stellen. (c) Eva Hecht