Heute wäre eigentlich die Bettwäsche dran. Alle zwei Wochen wird sie gewechselt. Doch weil Besuch da ist, muss das Einbetten warten. Dabei war genau das anfangs eine kleine Vertrauensfrage. „Beim ersten Mal dachte ich: ‚Hoffentlich macht sie das ordentlich!‘“, erzählt Gabriele I. „Aber ich hab mir gesagt: ‚Sei still! Notfalls machst du es hinterher selber.‘“ Mit „sie“ meint die 83-Jährige Nicole H. Die beiden sind seit gut einem Jahr ein „Zeitpolster-Paar“. Heute lachen sie über diese Szene.
Nicole H. besucht Gabriele I. im Schnitt alle zwei Wochen. Zum Einkaufen, Spazierengehen – je nachdem, was ansteht. „Wenn Zeit bleibt, gehen wir ins Café und plaudern“, erzählt die 60-Jährige. Gesprächsstoff hätten sie auch nach drei Stunden noch. Das glaubt man sofort. Gabriele I. beginnt, aus ihrem Leben zu erzählen: Über zehn Jahre lang hat sie ihren schwer kranken Mann daheim in Götzens betreut – Tag und Nacht. Vor zwei Jahren ist er gestorben. Danach wurde es still in Gabriele I.s Wohnung. Mit ihrem Mann verlor sie auch ihren Antrieb. „Ich habe mich gefragt: ‚Für was werde ich in der Früh noch munter?‘ Dann dachte ich an meine Kinder und sagte mir: ‚Du kannst nicht auch noch schlapp machen. Du musst raus aus dem Sumpf.‘“ Familie bedeutete ihr immer schon alles. Davon zeugen auch die vielen Fotos in ihrer Wohnung. Ihre drei Kinder, fünf Enkel und zwei Urenkel leben jedoch auf ganz Österreich verteilt, spontane Besuche sind selten. „Die Kinder rufen jeden Tag an oder schreiben mir. Mit meinen Enkelkindern videofoniere ich regelmäßig. Aber mir fehlt, dass jemand da ist.“ Mit ihrem Mann war sie seit 1961 ein Paar, 1963 haben sie geheiratet. „Klar, sieht man das Ganze kommen. Aber wenn es dann so weit ist, reißt es einem die Füße weg.“


Einmal in der Woche kommt der Pflegedienst. Für das Meiste braucht Gabriele I. aber keine Hilfe, weil sie für ihr Alter fit ist. Sie macht täglich ihre Wohnung, kocht viermal in der Woche selber, dekoriert ihre eigenen vier Wände. Es liegt kein Zettel herum, kein benutztes Geschirr. Was sie schön herrichtet, bleibt, wie es ist. Ihr fehlt Gesellschaft und eine Begleitung, um rauszukommen. Allein traut sie sich nicht, denn manchmal überkommt sie ein plötzlicher Schwindel. Der Notfallknopf um ihr Handgelenk gibt ihr seit ein paar Wochen Sicherheit, wenn niemand da ist.
Über den Gesundheits- und Sozialsprengel ist sie Ende 2024 schließlich in Kontakt mit Zeitpolster gekommen. Der Verein aus Vorarlberg ist in Tirol seit 2021 aktiv und bringt Menschen, die wie Gabriele I. jemanden brauchen, mit freiwilligen Helfenden in Verbindung. Letztere bekommen ihre Zeit gutgeschrieben und können sie bei Bedarf gegen Betreuung einlösen.
„Die Freiwilligenarbeit ist Sozialkontakt und gelebte Gesellschaft. Man lernt immer voneinander“
Warum sich Menschen Hilfe holen, sei regional verschieden, erklärt Sabine Jochum-Müller vom Verein Zeitpolster in Dornbirn. Mal geht es um Arztbesuche, mal um Entlastung der Angehörigen, oft um Struktur. „Es ist selten, dass jemand nach Gesellschaft fragt. Die Hürde beim Thema Einsamkeit ist hoch.“ Viele Helferinnen und Helfer würden allerdings schnell merken, dass die Viertelstunde vor oder nach einer Erledigung das Entscheidende ist. Eine größere Rolle spielt Einsamkeit laut Jochum-Müller in der Prävention. „In der Pension haben viele plötzlich acht Stunden Zeit am Tag zur Verfügung. Bei uns bekommen sie als Helfende eine Aufgabe und erleben, dass sie sich sehr wohl noch in eine neue Gruppe einfügen können.“ Auch Nicole H. war auf der Suche nach Gemeinschaft. Sie nennt sich selbst „Wunschtirolerin“. Früher kam sie immer wieder auf Urlaub hierher und fühlte sich gleich „heimelig“. Vor drei Jahren, nach einer schwierigeren Phase, wollte sie wissen, ob das Gefühl nur auf Zeit oder etwas Dauerhaftes war. „Ich warf all meine Kompetenzen in die Waagschale und schaute, was es in Tirol so braucht. So kam ich auf die Hotellerie.“ Mit 57 Jahren begann sie einen neuen Job als Rezeptionistin 800 Kilometer von ihrer Heimat Westfalen entfernt. Bevor sie ihre Wohnung in Götzens fand, wohnte sie am Campingplatz und in einer Personalunterkunft. Zum Neuanfang fehlten bloß noch weitere soziale Kontakte.
So kam bei ihr Zeitpolster ins Spiel. „Bereits in Deutschland habe ich mich ehrenamtlich engagiert. Das ist für mich selbstverständlich, wenn es ins Zeitbudget passt. Bei Gabi dachte ich mir, einkaufen und spazieren gehe ich sowieso – schöner ist es zu zweit.“ Heute ist sie neben ihrem Vollzeitjob bei vier Initiativen aktiv. Ihr Engagement hilft ihr, sich in Tirol zu integrieren. „Die Freiwilligenarbeit ist Sozialkontakt und gelebte Gesellschaft. Man lernt immer voneinander“, erzählt Nicole H. Den positiven Effekt von Zeitpolster sieht sie nicht nur in der gemeinsamen Zeit: „Das Umfeld – pflegende Angehörige, die Kinder oder Nachbarn – werden entlastet und suchen so wieder die Nähe.“
Die beiden mochten sich vom ersten Moment an. Sie können miteinander lachen, „weil wir die Dinge nicht so ernst nehmen“ und miteinander tiefsinnige Gespräche führen. „Ich merke auch, wenn es Nicole mal nicht gutgeht.“ Sie teilen ihre Lebensrealitäten und Erinnerungen. Es sei ein Vorteil, so Nicole H., dass es keine gemeinsame Vergangenheit gebe, so konnten sie vollkommen unbeschrieben aufeinander zugehen. „Bleib ja lange!“, sagt Gabriele I. immer wieder.
Es gibt heute noch Momente, in denen sich die Witwe einsam fühlt. Doch mit viel Eigenantrieb, ihrer Familie und der Hilfe von Nicole H. hat sie es geschafft, sich wieder zu fangen. „Nicole tut mir einfach gut. Ihr Lachen, ihre Art. Da kommt Leben in meine Wohnung.“ Beim Verabschieden streicht Gabriele I. die Haare aus Nicole H.s Gesicht. „Was wir alles erleben.“ Dann gehen die beiden ins Schlafzimmer, um das Bett zu machen.
Zeitpolster
Wer Gesellschaft, Unterstützung im Alltag oder Entlastung bei der Betreuung von Angehörigen oder Kindern sucht oder sich selbst engagieren will, ist bei Zeitpolster an der richtigen Adresse. So funktioniert’s: Menschen, die Hilfe in Anspruch nehmen, zahlen 11 Euro pro Stunde. Helfende bekommen Zeit gutgeschrieben und können irgendwann selbst Hilfe in Anspruch nehmen oder auf ein Notfallkonto zurückgreifen. Im Vordergrund steht Hilfe im Alltag (z. B. Gesellschaft leisten, Hilfe im Garten oder Haushalt, Fahrdienste).
Hinter Zeitpolster steckt ein Sozialunternehmen aus Vorarlberg. In Tirol gibt es Teams in St. Johann, Hall, Innsbruck, im Kaiserwinkl, Pillerseetal, Brixental, Zillertal, am Achensee und im westlichen Mittelgebirge. Mitmachen kann man über www.zeitpolster.com
Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen März-Ausgabe zum Thema Wege aus der Einsamkeit.
Nicole H. (l.) ist ein wichtiger Fixpunkt in Gabriele I.s Leben. (c) Max Schorch