Wann sind Sie Mutter geworden?
Ich war sehr jung, kann mich aber immer noch erinnern, wie es war, meine Töchter das erste Mal im Arm zu halten: ein unglaubliches Gefühl. Sie waren so schön. Leider hatte ihr Vater psychische Probleme. Ich war auf mich allein gestellt.
Wie heißen Ihre Kinder?
Die ältere Tochter heißt Favour. Der Name bedeutet Gunst oder Gefallen. Die jüngere Blessing, also: Segen.
Warum haben Sie Ihre Heimat Nigeria verlassen?
Das Wort Heimat ist schwierig für mich. Ich bin in Uganda geboren und habe meine Töchter in Nigeria zur Welt gebracht. Meine Eltern sind früh gestorben. Ich bin mit einem Mann gegangen, der nicht gut zu mir war. Von ihm wurde ich schwanger. Ich lebte in Angst.
Wollen Sie erzählen, wovor Sie geflüchtet sind?
Nein, ich kann nicht darüber sprechen. Es ist eine lange, schmerzhafte Geschichte.
Wie geht es Ihnen jetzt?
Mittlerweile geht es mir gut. Ich habe eine Aufenthaltsberechtigung und darf in Österreich arbeiten gehen. Ich habe gerade einen Job bei McDonalds begonnen. Davor war ich in Hall im Kloster tätig. Der Glaube zu Gott hat mir geholfen, die schwierigste Zeit zu überstehen.
Zwischendurch klingelt das Handy von Jamila George. Am Display das Bild einer jungen Frau, Georges jüngere Tochter.
Entschuldigung, ich rufe sie später zurück.
Hören Sie Ihre Töchter täglich?
Ja, ich versuche, sie sooft wie möglich zu erreichen. Ich will immer wissen, wie es ihnen geht. Sie sind jetzt junge Erwachsene, ich habe viel von ihrem Leben verpasst.
Sie haben sie in Nigeria gelassen?
Mir blieb nichts anderes übrig. Ich habe sie zu einer guten Freundin gebracht, als sie noch klein waren. Meine Freundin hat sie aufgezogen.
Wie gehen Sie damit um, dass die beiden über 6.000 Kilometer entfernt leben?
Was soll ich sagen? Es ist, wie es ist. Sie fehlen mir sehr. Ich denke jeden Tag an sie. Ich bin froh, dass wir telefonieren können und so Kontakt haben.
Jamila George zeigt ein Video einer tanzenden jungen Frau mit einem kleinen Kind. Es läuft Gospel-Musik.
Schau, das ist Blessing mit der Tochter meiner älteren Tochter.
Sie sehen glücklich aus.
Ja, das beruhigt mich. Es geht meinen Töchtern gut. Die größere hat schon eine eigene Familie. Ich bin stolz, Oma zu sein.
Wie lange haben Sie sie nicht gesehen?
Ich war meine Kinder letzten Sommer zwei Wochen lang besuchen. Mein Gott, das war so super. Ich denke immer noch daran. Ich habe sie 17 Jahre nicht gesehen.
Warum sind so viele Jahre vergangen?
Ich konnte mir die Flugreise nicht leisten. Und ich hatte große Angst zurückzukehren. Ich sah einst, wie Menschen verschleppt worden sind und nie wieder auftauchten. Dieses Schicksal wollte ich nicht. Ich musste mich sehr überwinden. Mein ganzer Körper wehrte sich. Nun bin ich froh, sie besucht zu haben.

Jamilas Tochter und Enkelkinder in Nigeria. (privat)
Wollen Sie eines Tages zurück?
Ich kann nicht mehr in Nigeria leben. Aber ich hoffe, dass mich meine Töchter besuchen werden. Die jüngere ist Schneiderin, sie hat mir das Outfit genäht, das ich gerade trage. Blessing würde gerne in Tirol studieren. Das möchte ich möglich machen.
Man merkt, dass das kein leichtes Thema für Sie ist. Und trotzdem lächeln Sie, wenn Sie von Ihren Kindern sprechen. Wann mögen Sie sich als Mama?
Ich habe das Mamasein von Anfang an gemocht. Ich habe es geliebt, meine Töchter zu tragen, sie zu trösten und zu stillen. Sie sind alles für mich. Ich wünsche mir, dass ihr Leben besser verläuft als meines.
Wir widmen dieses Dossier den Müttern in unserer Gesellschaft. Möchten Sie noch etwas mit uns teilen?
Kinder sind ein großes Glück. Man sollte gut auf sie achtgeben. Die Zeit mit ihnen ist wertvoll. Ich bin nicht glücklich, meine Kinder verlassen zu haben. Doch es gibt kein Zurück.