Als Wissenschaftsjournalistin beschäftigen Sie sich mit verschiedensten Auswirkungen des Klimawandels. Warum haben Sie ausgerechnet ein Buch übers Skifahren geschrieben?
Laura Anninger: Ich habe eine Anfrage erhalten und zugesagt: Ich beschäftige mich schon lange mit dem Klimawandel in den Alpen, da war es zum Wintersport nicht mehr weit. Übers Skifahren werden außerdem mehr Leute auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam. Es ist ein sehr emotionales Thema, das veranschaulicht: Es geht nicht nur um vom Wasser bedrohte Inseln oder Eisbären in den Polarregionen. Der Klimawandel betrifft Bereiche, die uns als Nation ausmachen.
Spätestens zum Ski-Opening diskutieren wir darüber, ob Skifahren in Zeiten des Klimawandels vertretbar ist. Welche Lücke schließt Ihr Buch in dieser Debatte?
Es gibt Bücher, die zeigen, wie wunderschön die Alpen sind, und es gibt anklagende Bücher, die über die Klimawandelfolgen informieren. Beides hat seine Daseinsberechtigung. Was mir fehlte, war ein Buch über den Status quo, eines, das verschiedene Seiten des Themas beleuchtet, verschiedene Interessensgruppen zu Wort kommen lässt und zeigt, welche Hebel wir haben. Mein Buch soll eine Art Nachschlagewerk für sachliche Diskussionen übers Skifahren in Zeiten des Klimawandels sein.
Sie beschreiben, wie sich steigende Temperaturen auf Skigebiete auswirken. Was sind die schwerwiegendsten Folgen?
Es gibt verschiedene Effekte: Wir sind in den Alpen mittlerweile bei einer Erwärmung von ungefähr drei Grad seit der Industrialisierung angekommen – was doppelt so viel wie im globalen Mittel ist. Das wirkt sich nicht nur auf den Naturschnee aus, der vor allem in niedrigen Lagen eher als Regen fällt, sondern auch auf die Beschneibarkeit. Technische Schneeerzeugung benötigt eine bestimmte Feuchttemperatur. Außerdem werden alpine Naturgefahren mehr. Das betrifft vor allem höher gelegene Gebiete: Muren, Steinschläge und Felsstürze nehmen zu. Es kommt auch zu einer Verschiebung der Niederschlagsmuster: Eine Theorie ist, dass Starkniederschläge und somit auch Starkschneeereignisse mehr werden. Wir hätten dann in sehr kurzer Zeit enorme Mengen an Schnee, wie es zum Beispiel im März 2025 in den Südalpen der Fall war.
Wie beeinflusst hingegen die Skiwirtschaft das Klima?
Das passiert auf mehreren Ebenen. Zwar werden viele Lifte inzwischen mit erneuerbarer Energie betrieben, dennoch nutzt der Tourismus insgesamt – in Hotels, im Gastgewerbe und in den Skigebieten – weiterhin fossile Energieträger. Zusätzlich verursacht der Bau von Liftanlagen, Speicherbecken und Zufahrtsstraßen Emissionen durch den Einsatz von Beton und Asphalt sowie durch den Transport der Baustoffe. Besonders problematisch ist, wenn für Bauprojekte teils sensible Ökosysteme wie Feuchtgebiete oder Moore zerstört werden, die große Mengen Kohlenstoff speichern.
Welche Rolle spielt der Verkehr?
Die Anreise der Gäste ist laut einer Studie des Umweltbundesamts der größte Emissionsfaktor beim alpinen Skiurlaub. Das wird von Skigebieten oft ausgeklammert, wenn sie ihre eigene Nachhaltigkeit betonen, obwohl der Betrieb ohne Gäste nicht existieren würde. Da man nun verstärkt auf Gäste aus Übersee, etwa den USA oder China, setzt, steigen die Emissionen weiter. Der Autor dieser Studie sagte mir, die Anreise nicht einzurechnen, grenze an Greenwashing. Gleichzeitig fördern viele Skigebiete die öffentliche Anreise ihrer Gäste. Insgesamt ist die Klimabilanz der Skiwirtschaft weder so gering, wie manche Betreiber darstellen, noch so stromintensiv, wie Kritiker oft behaupten. Sie ist komplex und vielschichtig.
Was wäre eine sinnvolle Diskussion über die Auswirkungen des Skifahrens aufs Klima?
Sinnvoll wäre, wenn sich Vertreterinnen und Vertreter des Skitourismus nicht nur überlegen, wie sie ihre Emissionen reduzieren können, sondern wenn sie sich mehr für eine effektive Klimapolitik einsetzen. Immerhin verfügen sie über politische Macht auf unterschiedlichen Ebenen. Die großen Hebel sind nicht die Skigebiete, sondern andere Bereiche. Seilbahnvertreter fühlen sich oft zu Unrecht kritisiert, sagen, sie würden sich bemühen und andere Branchen würden viel größere Emissionen verursachen. Das stimmt ja. Umso paradoxer finde ich es, dass sie nicht effektiven Klimaschutz fordern. Die Seilbahnbranche könnte ein lautes Sprachrohr für den Klimaschutz sein.
Die Seilbahnbranche könnte ein lautes Sprachrohr für den Klimaschutz sein.
Sie besuchten Skigebiete in ganz Österreich. Gibt es Musterschüler in Sachen Klimaschutz?
Erwähnenswert ist das Skigebiet Golm im Montafon. Es setzt stark auf die Reduktion der eigenen Emissionen und kommuniziert das auch offensiv. Dort ist im Management angekommen, dass es darum geht, die ganzheitlichen Effekte des Klimawandels zu betrachten. Aber das eine Vorzeige-Skigebiet gibt es für mich nicht. Gerade, was ökologische Aspekte betrifft, passiert noch zu wenig.
Viele Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder überhaupt noch in einen Skikurs schicken sollen. Wie lange ist Skifahren noch möglich?
Es gibt Prognosen über die Schneeentwicklung in Österreich, die im Rahmen der Studie FuSE-AT vor sechs Jahren erstellt wurden. Unter anderem wurde Obergurgl untersucht. Bei einer Erwärmung von vier Grad wird es dort mittelfristig schwierig, eine wirtschaftlich sinnvolle Saison aufrecht zu erhalten. Denn die Zeiten, in denen man beschneien kann, werden bis zu 30 Prozent kürzer. Der Hauptautor dieser Studie, Marc Olefs, sagt, dass Skifahren im Jahr 2100 nur in Gunstlagen und zu sehr hohen Preisen möglich ist. Fraglich ist etwa, ob es zum Beschneien kalt genug sein wird, ob man die Infrastruktur in Stand halten können wird und ob genügend Wasser zum passenden Zeitpunkt verfügbar ist: Wie viel Wasser kann ich aus Bächen oder Flüssen entnehmen, ohne das Ökosystem zu zerstören? In den Südalpen gibt es bereits Nutzungskonflikte. Eine Studie zeigt, dass der Grundwasserbedarf zur Beschneiung stark ansteigen wird.
Sie schreiben, dass Skifahren bei Ihnen sowohl Glücksgefühle als auch schlechtes Gewissen auslöst. Das kennen auch Menschen hierzulande. Wie gehen Sie mit dieser Zerrissenheit um?
Ich hätte mich der Skischam widmen können, finde aber, mir steht der erhobene Zeigefinger nicht zu. Es klingt abgedroschen, aber mir hilft Dankbarkeit. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir überhaupt Skifahren gehen können, dass wir gesund sind, dass wir noch Schnee vorfinden. Das ist ein Luxus. Wir haben eine Handlungsmacht, und wir sollten uns nicht im katholischen Sinne dafür schämen, dass wir auf die Welt gekommen sind, sondern uns als Teil eines Kollektivs sehen, das etwas bewegen kann. Eine Freundin sagt immer: Jeder hat eine Klima-Superpower und kann sich einsetzen. Hoffen bringt nichts. Handeln bringt uns weiter.
Vielen Dank für das Gespräch.

Schnee von morgen
Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels
Verlag Anton Pustet, 2025
192 Seiten
Die mehrfach ausgezeichnete Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin lebt in Salzburg und arbeitet für Medien wie Der Standard, Falter oder DIE ZEIT. Für „Schnee von morgen“ interviewte sie Aktivisten, Glaziologen, Seilbahner, Wirtschaftssoziologinnen und viele mehr. (c) Stefan Fürtbauer