Hinter vorgehaltener Hand

Paul Moisa hat einen Traum. Er wünscht sich neue Zähne, mit denen er lachen und endlich wieder richtig essen kann. Weil das Geld für die Behandlung in Österreich fehlt,
sucht er jetzt nach Möglichkeiten im Ausland. Unserem Fotografen Florian Scheible hat der 20er-Verkäufer aus Rumänien seine Geschichte anvertraut.

von Florian Scheible

Ende März. Paul Moisa lehnt an der Glasfassade eines Supermarkts in Telfs. Es ist Mittag an einem grauen Mittwoch, doch viel los ist nicht. Nur alle paar Minuten schiebt sich ein Auto über den Parkplatz. Die Leute, die zum Einkaufen an ihm vorbeigehen, begrüßt der 20er-Verkäufer mit einem leisen „Servus“. Zunächst messe ich der Zurückhaltung keine Bedeutung bei. Schließlich wird die Begrüßung in Tirol oft nur genuschelt. Doch bei Paul fällt auf, wie sehr er versucht, den Mund beim Sprechen möglichst geschlossen zu halten.

Auf seinem Handy zeigt er mir mehrere Chats mit nicht eingespeicherten Nummern. Alle beginnen mit +90. Es sind türkische Anbieter für Zahnimplantate, die ihm rasch antworten. „Schick uns ein Foto deiner Zähne, wir machen dir ein Angebot“, schreibt einer. Paul ruft eine Webseite auf und klickt sich durch eine Galerie mit Vorher-nachher-Bildern von Gebissen. Neue Zähne zu bekommen, wirkt online super einfach und problemlos. Was auf den ersten Blick wie der Insta-Feed eines durch-
schnittlichen Mitte-30-Jährigen wirkt, erzählt in Wahrheit von einem System, in dem Zahngesundheit eine Frage des Geldes bleibt.

Für Paul ist der Besuch bei der Zahnärztin längst zu teuer geworden. Er erzählt, er habe von seinen Eltern „beides mitbekom­men: die schlechten Haare“ vom Vater und „die schlechten Zähne“ von der Mutter. Dass die Haare weniger werden, sei normal. Doch die Probleme mit den Zähnen hätten schon in der Pubertät begonnen. Richtig schlimm geworden sei es dann vor gut zwölf Jahren. Damals arbeitete er in Deutschland, in einer Schweinemastanlage. Er wollte seine Zähne in seiner Heimat Rumänien behandeln lassen. Rund 10.000 Euro hätte die Behandlung gekostet. Doch das Leben kam dazwischen.

Paul Moisa träumt davon, wieder in einen Apfel zu beißen. Oder den Rand einer Pizza zu essen.

Seine Mutter starb ganz plötzlich mit 42 Jahren. „Sie hatte so wie ich keine Zähne“, erzählt er mir. „Sie hat etwas gegessen und ihr Magen hat verrückt gespielt. Eigentlich hätte sie operiert werden müssen, doch der Eingriff kostete zu viel. Zurück vom Krankenhaus starb sie nach wenigen Tagen. Danach fehlte das Geld nicht nur für die Behandlung seiner eigenen Zähne. Paul war zu dem Zeitpunkt wohnungslos. Seine beiden Kinder, damals ein und zwei Jahre alt, und seine Frau lebten bei seiner Mutter in Rumänien. Für sie musste er nach ihrem Tod ein neues Zuhause organisieren.

Das Leben in Deutschland sei eigentlich in Ordnung gewesen, sagt er. Arbeit, Unterkunft, ein wenig Geld, das er nach Hause schicken konnte. Doch für seine Frau Elena, die zu ihm zog, als die Kinder größer waren, gab es dort keine Perspektive. Also kamen Paul und seine „Madame“, wie er sie nennt, vor drei Jahren nach Innsbruck. Heute verdient sich das Paar mit dem Verkauf der Tiroler Straßenzeitung genug zum Leben. Jeden Monat schicken Paul und Elena etwas nach Rumänien zu den Kindern. Sie leben mittlerweile bei ihrer anderen Großmutter. Eine Wohnung hat das Paar jedoch nicht, dafür reicht es nicht. Zurzeit würden die beiden in einem Zelt am Rande von Innsbruck schlafen, erklärt Paul.

Hoffnung am Handy: Türkische Hersteller versprechen ein neues Lächerln für 7.000 Euro. (c) Florian Scheible

An diesem Tag läuft der Zeitungsverkauf schlecht. Vier Exemplare hat Paul verkauft, 20 Euro in fünf Stunden verdient. Es ist Mittagsflaute, also schlägt er vor, einen Kaffee trinken zu gehen. Er legt fünf Euro auf den Tresen, der Kaffee soll auf ihn gehen. Eine kleine Geste – und doch eine, die mich schlucken lässt. Schlucken. Erst kauen, dann schlucken – daran muss ich in diesem Moment denken. Viele kennen den Satz aus ihrer Kindheit, als sie mit Heißhunger beim Abendbrot saßen. Genau genommen 32 Mal kauen, so lauten die Empfehlungen vieler Fachleute. Für Paul ist das mit seinen paar übrig gebliebenen Zähnen kaum möglich. Er träumt davon, wieder in einen Apfel zu beißen. Oder den Rand einer Pizza zu essen.

Im Moment isst er vor allem weiche Speisen. Oft schluckt er sie hinunter, ohne zu kauen. Danach kommen die Bauchschmerzen. „Das macht mir Angst“, sagt er. Angst, dass es ihm einmal so ergehen könnte wie seiner Mutter. Dann verkauft er doch noch eine Zeitung. Für einen Moment hellt sich sein Gesicht auf und ein Lächeln zeichnet sich ab. Doch schnell zieht er die Unterlippe wieder nach oben. Seinen leeren Mund zeigt er nicht gern. Dennoch hat er seine Scham überwunden, ein Foto seiner „Zähne“ gemacht und es dem türkischen Implantatanbieter geschickt. Prompt kam ein Angebot zurück: 7.000 Euro für ein neues „Lächeln“ und vor allem, um wieder richtig essen zu können, ohne Bauchschmerzen.

In Österreich sind Zahnimplantate teuer. Wie hoch die Kosten für Paul in Tirol tatsächlich ausfallen würden, weiß er nicht. Dafür müsste er erst einmal einen Spezialisten aufsuchen – und auch dafür fehlt das Geld. Ich will einem Implantologen in Tirol die Fotos für eine Einschätzung zeigen, doch dieser meint, anhand von Bildern sei es nicht möglich, eine seriöse Diagnose zu stellen: „Das ist ungefähr so, als würde man einen Gebrauchtwagen online kaufen, ohne Wissen über die Vorgeschichte, ohne je einen Blick darauf zu werfen.“ Bei günstigen Anbietern rät er aufgrund des verwendeten Materials zur Vorsicht. Von rund 120 Implantatherstellern am Markt seien nur etwa 20 wirklich etabliert. Immer wieder kämen Patientinnen und Patienten nach Behandlungen im Ausland mit Komplikationen zurück.

Ein Lächeln aus der Türkei scheint ein Traum mit Risiken. Trotzdem will Paul weiter dafür ansparen. Verständlich – wenn die Angst vor Schlimmerem mehr Bauchschmerzen macht als der eigentliche Hunger.

Versicherungssituation der 20er-Verkaufenden

20er-Verkäuferinnen und -Verkäufer arbeiten selbstständig und sind nicht angestellt. Wenn kein Versicherungsschutz greift, könnten sie sich theoretisch freiwillig krankenversichern. Für die meisten sind die monatlichen Beiträge jedoch unbezahlbar. Zudem erfüllen sie häufig die Voraussetzungen nicht. Was heißt das im Krankheitsfall? Außer in akuten Notfällen muss Paul Moisa wie alle nichtversicherten Menschen in Österreich Behandlungen selbst bezahlen oder sich an karitative Einrichtungen wenden. In Innsbruck bietet Medcar(e), ein Projekt der Caritas Tirol und des Roten Kreuzes, medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung und in schwierigen Lebenssituationen. 2025 wurden 1.559 Behandlungen von vorwiegend ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzten und Pflegekräften durchgeführt. Auch Menschen mit Zahnproblemen suchen dort Hilfe. Doch für die Behandlung fehlen sowohl Personal als auch Infrastruktur. Patientinnen und Patienten werden an die Tirol-Kliniken verwiesen, wo akute Notfälle aufgenommen werden. Füllungen, Wurzelbehandlungen oder Prothesen, die selbst für versicherte Menschen eine kostspielige Angelegenheit sind, fallen nicht darunter und bleiben für Menschen in prekären Lebenssituationen ein Luxus. Ein gelungenes Beispiel für niederschwellige Zahngesundheit gibt es in Wien mit Neunerhaus, das eine eigene Zahnarztpraxis für obdach- und wohnungslose sowie nichtversicherte Menschen führt.

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