Gewohnt fremder Anblick

Absolventen der renommierten Kunstuni Paris 8 vermaßen Innsbruck und Umgebung fotografisch. Ihre Ansichten erstaunen selbst Einheimische.

von Rebecca Sandbichler
Künstler Romain Darnaud im Porträt. Romain Darnaud vor seiner Werkserie „Traumstraße“. (c) R. Woodson R. Darnaud

„Da sieht man mal, wie viel Platz das braucht“, sagt ein älterer Herr mit dunklem Wollpulli zu seinem jüngeren Begleiter – und deutet auf die mehrspurige Autobahnschneise in der Sommerlandschaft. „Ja, für den Fahrer sehr angenehm“, nickt der andere. „Aber zum Leben eine Katastrophe.“ Die Nasen dicht an die Fotoprints gehalten, studieren die beiden Tiroler die Werke des Pariser Dokumentarfotografen Romain Darnaud­, als hätten sie selbst noch nie mit dem Auto den Weg Richtung Brenner genommen.

Mit seinem Beitrag zur Gruppenausstellung „Genau Jetzt!“ in der BTV-Galerie INN SITU folgt Darnaud den Spuren des Transitverkehrs in Tirol und erforscht fotografisch und mittels Montage das Zusammenspiel der Automobilinfrastruktur mit der alpinen Landschaft. Es ist einer von fünf völlig verschiedenen Werkkörpern, die im vergangenen Frühling und Sommer in Innsbruck und seiner Umgebung entstanden sind.

Das übliche INN-SITU-Konzept scheint – zumindest für die eingangs erwähnten Herren – voll aufgegangen zu sein. Ist doch genau fünf Jahre, nachdem der Vorarlberger Hans-Joachim Gögl die Kuration der Galerie übernommen hat, die Methode wieder gewesen: spannende Künstlerinnen und Künstler der Fotografie werden unter relativ großem Aufwand nach Vorarlberg und Tirol eingeladen, um ihre spezifischen Interessen im lokalen Bezug zu verfolgen und eigens beauftragte Arbeiten zu schaffen. So wird die fremde Außenperspektive auf das vermeintlich Bekannte angewandt und es ergeben sich Aha-Effekte für beide Seiten – besonders wertvolle aber für die Einheimischen. „Joachim hat mir eine carte blanche gegeben, das war toll“, erzählt der bekannte Fotograf Arno Gisinger mit französischem Akzent vom Beginn seiner kuratorischen Tätigkeit für „Genau Jetzt!“.  Gisinger ist ebenfalls Vorarlberger, hat in Innsbruck Geschichte und Germanistik studiert, lehrt aber mittlerweile Fotografie an der renommierten Pariser Universität Paris 8. Auf Gögls Einladung hin suchte er sich fünf Absolventinnen und Absolventen aus, deren Arbeiten zum speziellen INN-SITU-Auftrag passen könnten. Dann nutzte er etwas seinen Heimvorteil und sein bestehendes Netzwerk – habe aber nur kleine Hinweise auf interessante Knotenpunkte der Stadt gegeben, etwa das Brenner-Archiv erwähnt oder das Architekturzentrum aut. Die Beschäftigung mit Themen von Georg Trakl bis zu den bäuerlich geprägten Fassaden der Südtiroler Siedlungen haben die Künstlerinnen und Künstler dann selbst gewählt. Die Ergebnisse ihrer fotografischen Studien können sich bis Mitte Juli noch sehen lassen.

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