Wir alle kennen die Bilder von Plastikinseln im Meer. Gleichzeitig überlegen wir nicht, wenn wir im Supermarkt zu doppelt eingeschweißten Tomaten greifen. Wann ist uns das Gefühl für Müll abhandengekommen?
Claudia Paganini: Ein Problem ist, dass unser Müll zeitlich und räumlich entkoppelt von unserem Konsum ist. Er fällt schon bei der Entwicklung eines Produkts an, nicht erst beim Verbrauch. Auch die Entsorgung passiert nicht vor der eigenen Haustüre. Für Konsumierende ist nicht mehr nachvollziehbar, welche Schritte wann und wo zu Müll führen. Wir sprechen auch vom „invisible hands effect“.
Was bedeutet das genau?
Viele Menschen wollen hygienisch verpackte Lebensmittel kaufen. Sie haben nicht die Absicht, Müll zu verursachen, wenn sie zum Wurstaufschnitt im Kühlregal greifen. In Summe fördern sie Plastikberge.
Wo die Macht der Konsumenten endet, beginnt die der Konzerne. Was halten Sie von staatlichen Anreizen, damit Unternehmen nachhaltiger produzieren?
Anreize sind besser als Schranken. Aber sie kosten. Man könnte sich eine Abfall-Quote überlegen, die ein Produkt verursachen darf. Schafft es ein Unternehmen, die Quote zu unterschreiten, könnte es bei der Mehrwertsteuer begünstigt werden. Wird mehr Müll erzeugt, gibt es negative Konsequenzen. Leider fehlt unseren Regierungen der Mut, entsprechende Regeln umzusetzen. Mit Müll gewinnt man keine Wahlen.
Sie appellierten beim Innsbrucker Abfall- und Ressourcentag an die Verantwortung von uns allen. Ist das nicht müßig?
Das denke ich nicht. Es gibt so etwas wie eine schuldhafte Ignoranz. Wir produzieren und konsumieren auf Kosten der Menschen im Globalen Süden und künftiger Generationen. Der Anspruch auf ein gerechtes Zusammenleben wird krass ignoriert. So kann es nicht weitergehen. Es braucht eine transgenerationale und globale Verantwortung für unser Tun.
Wenn ich Müll nicht als lästig ansehe, sondern als etwas, das mir Geld bringt, gehe ich anders damit um. Das zeigen Pfandsysteme.
Wir müssen unseren Müll wieder sinnvoll in Produktionsketten einbinden. Doch das allein wird uns nicht retten. Es lassen sich längst nicht alle Bestandteile wiederverwerten. Oft kommt es zum Down-Cycling – also zum Abwerten von Stoffen. Recycling ist außerdem energieintensiv. Wir müssen aufpassen, dass es nicht zum Feigenblatt wird.
„Den Leuten ist wichtig, dass sie beim Abendessen die richtigen Brötchen am Tisch liegen haben.
Was um sie herum geschieht, ist egal.“ Claudia Paganini, Ethikerin
Was schlagen Sie stattdessen vor?
Weniger konsumieren, bewusster einkaufen, Müll vermeiden. Es wird heute unnötig viel Verpackung geschaffen, um das Marken-Level zu erhöhen. Nehmen wir den neuen Apple-Pencil. Da ist mehr Material als Stift. Auch harmlos wirkende Produkte wie Teebeutel schaffen unnötigen Abfall. Unternehmen erhoffen sich durch die aufwendige Präsentation einen Marktvorteil. Das sollten wir boykottieren.
Laut einer aktuellen Studie des Umweltbundesamts hat die heimische Kreislaufwirtschaft großes Potenzial. Sie könnte Österreich eine zusätzliche Wertschöpfung von 2,2 Milliarden Euro bis 2030 bringen. Das sollte doch ein Argument sein?
Es wäre ein guter Grund, mutig und innovativ zu sein. Doch wir wissen aus der Psychodynamik, dass Umstellung zunächst Abwehr auslöst. Umso wichtiger ist es, Wirtschaftstreibenden aufzuzeigen, dass sie monetär profitieren. Historisch haben stets jene Unternehmen gewonnen, die unter neuen Bedingungen neue Wege eingeschlagen haben.
Dass Veränderung auf Ablehnung stößt, sieht man auch im Kleinen. Als die EU-Richtlinie umgesetzt wurde, wonach Plastikdeckel von Flaschen nicht mehr lose herumfliegen dürfen, haben sich die Menschen furchtbar aufgeregt.
Man hätte besser kommunizieren müssen, was uns diese Regel nützt. Plastikdeckel aus der Europäischen Union landen nun nicht mehr so leicht in Flüssen und Meeren. Gerade weil die Umstellung von vertrauten Gewohnheiten unangenehm ist, muss man sie begreiflich machen. Man kann diese Geschichten gar nicht oft genug erzählen. Unsere Regierung ist auch verantwortlich, nachhaltige Kommunikation voranzutreiben.
Man hörte wenig Positives, vielmehr empörte sich die FPÖ.
Leider nehmen sich rechte Parteien oft solcher Themen an. Medien versuchen, damit Quote zu machen. Da wird dann schnell eine unsinnige Empörung hochgepusht.

Claudia Paganini beschäftigt sich am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck mit Umwelt- und Medienethik. Sie ist Mitinitiatorin der Plattform „Handeln statt Kriminalisierung“.
Wie kann ich als Konsumentin aktiv werden?
Wenn sich Menschen als selbstwirksam empfinden, sind sie bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen und den Extra-Kilometer zu gehen. Das hilft in kleinen Kontexten. Die Initiative „Too Good to Go“ ist ein schönes Beispiel. Hier kann Kunde und Kundin zeigen, dass er oder sie auch Produkte wertschätzt, die aus den Läden aussortiert werden. Konsumierende können sich auch zusammenschließen und Hersteller unter Druck setzen. Online-Aktivismus ist ein guter Weg, um zu zeigen: Wenn ein Produkt so verpackt ist, kaufe ich es nicht!
Refurbed-Plattformen, die gebrauchte Elektrogeräte oder Kleidung weiterverkaufen, gibt es mittlerweile viele. Eine positive Entwicklung?
Grundsätzlich ja, doch sie funktionieren nach derselben Konsumlogik. Da geht es darum, den überfüllten Kleiderkasten zu entleeren, um ihn anschließend mit Second-Hand-Klamotten wieder aufzufüllen. Niemand fragt: Brauchen wir den riesigen Kleiderkasten?
Es scheinen sich nur zwei Gruppen von Menschen für Müll zu interessieren: Jene, die beruflich damit zu tun haben und das Geld sehen. Und jene, die wenig haben und den Wert erkennen.
Das liegt in der Natur der Sache. Müll ist per Definition etwas, das ich loswerden will. Der Witz eines bewussten Lebens ist, dass ich mir die Konsequenzen meines Handelns anschaue. Insgesamt beobachte ich einen neuen Biedermeier. Den Leuten ist wichtig, dass sie beim Abendessen die richtigen Brötchen am Tisch liegen haben. Was um sie herum geschieht, ist egal. Dieser Effekt tritt ein, wenn sich Menschen überfordert fühlen. Doch da müssen wir gegensteuern. Krisen werden nicht besser, wenn wir uns ins Private zurückziehen.
Danke für das Gespräch.
Sauerei: Wer räumt auf? (c) Nicolás Hafele