Wir haben den 9. April, 9.30 Uhr: Wie sah Ihr Tag bisher aus?
Heute ist es ruhig, es stehen Telefonate an. Das ist eher die Ausnahme. Ich bin immer auf Abruf. In den vergangenen Monaten kam es öfter vor, dass ich zwischen sieben und 22 Uhr auf Sendung war. Gestern brachte ich zwischen der ZIB 1 und einer kurzfristig anberaumten Live-Schaltung für die ZIB 2, die ich daher von zuhause aus machen musste, meine Tochter ins Bett. Morgen und Abende sind unsere Fixpunkte. Meistens schaffe ich es auch, meine Tochter von der Schule abzuholen und zumindest ein bisschen Zeit mit ihr zu verbringen.
Sie sind kurz vor Beginn des Iran-Kriegs, unmittelbar bevor die ersten Bomben einschlugen, von Teheran nach Istanbul geflogen. Wie ging es Ihnen als Mutter, als Sie im Flieger saßen?
Ich bin aus zwei Gründen einen Tag früher als geplant ausgereist. Einerseits, weil ich wusste, dass ich in einem Iran, der im Krieg ist, nicht gut berichten werde können. Andererseits wollte ich auch nicht, dass meine Tochter sich Sorgen machen muss. Es war ein gutes Timing. Sie hat sich gefreut, dass ich früher zurückgekommen bin.
Ihre Tochter hat in dieser Zeit schon in Istanbul gelebt?
Ja, sie lebt seit Sommer 2025 mit mir in Istanbul. Es ist nicht leicht für sie, aber sie lebt sich jeden Tag besser ein. Wir haben ein Au-pair seit Ende Oktober. Die erste Zeit musste ich allein schupfen. Zum Glück kam mein Vater ein paar Wochen zu uns. Ich habe eine großartige Familie, die mich unterstützt. Das ist wunderbar. Auch der Vater meiner Tochter, von dem ich geschieden bin, kommt zu Besuch. Ohne Hilfe ginge es nicht. Ich bin als einzige ORF-Korrespondentin hier in Istanbul dem Nachrichtengeschehen ein Stück weit „ausgeliefert“.
Kindererziehung – braucht es dafür also ein ganzes Dorf?
Ein Dorf, mindestens. Es braucht zur Kindererziehung ein Riesennetzwerk. Gleichzeitig zitiere ich immer wieder Donald Winnicott, den wunderbaren britischen Kinderpsychoanalytiker. Er sagte: Um trotz vielleicht schwieriger Umstände ein gelungenes Leben führen zu können, braucht es „one caring adult“. Das muss nicht die leibliche Mutter oder der leibliche Vater sein. Es braucht einen zugewandten, erwachsenen Menschen, der sich verantwortlich fühlt.
Ist das Ihr Leitgedanke als Mutter?
Ja, meine Tochter hat das Glück, sehr viele „caring adults“ um sich zu haben. Ich bin bei weitem nicht die Einzige, ich bin eine von ihnen.
Gleichzeitig ist Elternschaft nicht immer leicht. Wann sind Sie als Mutter das letzte Mal so richtig
ins Schwitzen gekommen?
Ich komme dauernd ins Schwitzen. Ich habe eine Tochter, die in der Pubertät ist oder zumindest in die Pubertät kommt. Ein Freund von mir meint: „Deine Tochter ist in der Pubertät, seit sie auf der Welt ist.“ Aber es ist nun doch spürbarer als bisher.
Was hält Sie – neben dem Weltgeschehen und Ihrem Job – nachts wach?
Meiner Tochter fällt es schwer, sich an das neue Leben in Istanbul zu gewöhnen. Wobei ich glaube, dass es grundsätzlich nicht einfach ist, elf Jahre alt zu sein – ich selbst möchte dieses Alter jedenfalls kein zweites Mal erleben müssen. Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie ich sie hier bestmöglich unterstützen kann. Wie ich ihr einerseits beistehe und andererseits vermittle, dass es wichtig ist, dass es allen gut geht. Dass es manchmal notwendig ist, Dinge zu tun, die zunächst kontraintuitiv wirken, weder spannend noch befriedigend sind, sondern vielleicht erst einmal anstrengend, sich aber langfristig als umso lohnender erweisen.
Wann sind Sie als Mutter glücklich?
Meine Tochter ist einfach unfassbar humorvoll und schlagfertig. Aus ihr kommen manchmal Sätze, wo ich mir denke: „Wow.“ Es ist schön, wenn einem das eigene Kind sympathisch ist. Kinder sind nicht immer sympathisch, auch die eigenen Kinder nicht.
Ich kenne keine Eltern, die ihre Kinder nicht zumindest ab und zu unsympathisch finden. Bloß ist das ein Tabu. In welchen Momenten möchten Sie Ihre Tochter auf den Mond schießen?
Meistens bei Dingen, die gar nicht so wichtig sind, die mich aber triggern, zum Beispiel, wenn ich unter Druck stehe und telefonieren muss, sie mich aber nicht lässt, oder wenn Ausgemachtes nicht hält. Das sind oft blöde Kleinigkeiten.
Wann mögen Sie sich als Mutter?
Ich mag mich meistens als Mutter. Wobei mir vor allem mein Vater Vorbild ist im Elternsein. Ich hoffe, dass mir meine Tochter mit Mitte 20 dankbar sein wird, dass ich ihr die Welt gezeigt habe. Auch wenn sie mich jetzt gerade gerne auf den Mond schießen würde, weil sie in Istanbul leben muss. Recht verlässlich entstehen bei uns gute Momente, wenn wir gemeinsam unterwegs sind: Egal ob im Flieger, Bus, Auto oder wie hier in Istanbul auf der Fähre. Wenn wir miteinander Wege zurücklegen, entstehen Gespräche, die sonst nicht möglich wären.
„Die Mama, die ich nie sein wollte.“ Wann haben Sie sich ertappt?
Die meisten nehmen sich vor, die Fehler der eigenen Eltern nicht zu wiederholen. Vielmehr geht es darum, denke ich, Fehler zu erlauben – anderen und sich selbst. Meine Tochter wird mit ihrer imperfekten Mutter zurechtkommen, auch müssen. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, gut genug zu sein. Auch das war Winnicotts Idee. Es geht also darum, sich Fehler zu verzeihen. Meine Tochter soll lernen, wie das funktioniert. Wie oft muss ich mir selbst sagen: „Never cry over spilled milk“, sowohl im Beruf als auch privat. Die Fähigkeit, sich zu verzeihen, muss ich selbst immer wieder lernen – und würde ich meinem Kind wahnsinnig gerne mitgeben.
Gut auf sich zu schauen, ist bei Ihrem Job sicher nicht leicht. Wie tanken Sie Kraft?
Beim Freunde treffen, Sportmachen, Lesen. Jetzt hier in Istanbul habe ich auch das Glück, mich mit Erde und Pflanzen beschäftigen zu können. Das macht mir eine Riesenfreude. Außerdem ist meine Tochter eine Kraftquelle – wenngleich es auch anstrengend sein kann, ist es immer auch kraftgebend mit ihr.
Am 10. Mai ist Muttertag. Was wünschen Sie sich?
Ich habe keinen Bezug zum Muttertag. Aber wenn mir meine Tochter Sachen bastelt, freue ich mich. Und ich halte es für wichtig, das ganze Jahr über respektvoll und nett miteinander umzugehen, nicht nur an einem Tag.
Abschließend: Wie geht es Ihnen als Mama?
Ich empfinde es als Riesenglück, Elternschaft erleben zu dürfen: Es ist wie ein Wunder, dass das überhaupt so funktioniert. Dass aus dem eigenen Körper Leben entstehen kann. Und: Es stimmt, dass wirklich jedes Geschöpf einen eigenen Charakter hat. Davor hatte man mich gewarnt. Und obwohl ich Freundinnen hatte, die vor mir Babys bekamen, habe ich das erst so richtig verstanden, als ich es am eigenen Leib erlebt habe. Vielleicht ist meine Tochter auch ein besonders starker Charakter.