„Ein Motor für den Sprachwandel“

Wie prägen soziale Medien unsere Kommunikation? Und verstehen sich Jugendliche und Erwachsene überhaupt noch? Das hat Livia Thurner den renommierten Sprachwissenschaftler Manfred Glauninger gefragt.

von Livia Thurner
Manfred Glauninger forscht als Linguist an der Universität Wien und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (c) ÖAW
Herr Glauninger, vor kurzem wurde wieder das Jugendwort des Jahres gekürt. „Sybau“ war ein heißer Kandidat. Wissen Sie, was das Wort bedeutet?

Manfred Glauninger: Ich muss gestehen, ich weiß es nicht.

„Sybau“ ist die Abkürzung für „Shut your bitch ass up“. So kommentieren Jugendliche auf TikTok und Instagram, wenn sie sagen wollen: „Halt den Mund!“. Wie beeinflusst das unsere Sprache?

Ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Jugendliche werden gern zu Sündenböcken für vermeintlich negative Entwicklungen gemacht. Das hat mit Kulturpessimismus zu tun. Immer wenn in der Geschichte der Menschheit neue Technologien aufgetaucht sind, herrschte Alarmstimmung. Das Radio ist verteufelt worden, auch das Fernsehen. Es hieß, es sei schädlich und zerstöre die Familie. Dann stellte sich heraus, dass die ganze Familie zum Schauen von TV-Shows zusammengekommen ist. Beim Internet, bei Social Media und der KI ist es jetzt ähnlich. Es heißt, Jugendliche würden deshalb verblöden. Dabei können sich Menschen sehr gut an neue Technologien anpassen.

Finden Sie nicht bedenklich, wie in sozialen Medien kommuniziert wird?

Linguistische Untersuchungen zeigen, dass junge Menschen diese Kraftausdrücke gar nicht immer in verletzender Bedeutung verwenden. Der Sprachwandel lässt sich nicht aufhalten. Und das ist gut so. Wir können im Jahr 2025 nicht über Social Media und KI reden und gleichzeitig sprechen wie 1960.

Zur Autorin

Livia Thurner hat sich für die 20er-Mädchenredaktion extra aus Limerick zugeschaltet, denn die Komparatistik-Studentin ist im Oktober ins Auslandssemester gestartet. Wie sich Sprache in unterschiedlichen Kultur- und Sozialräumen verändert, beschäftigte sie schon länger. Als ihr Vater über ein Meme in der Zeitung stolperte, stand das Thema für ihre Recherche fest: „Ich wollte herausfinden, wie solche Phänomene die Sprache beeinflussen und wie man darauf reagiert.“

Also könnten wir dieses Gespräch schon wieder beenden.

Für einen Sprachwissenschaftler ist der Sprachwandel nicht ungewöhnlich, es hat ihn immer gegeben. Einst hat Französisch unsere Sprache beeinflusst, heute ist es Englisch. Wenn man sich nicht damit auseinandersetzt, können Veränderungen der Sprache natürlich besorgniserregend wirken. Menschen sind geneigt, alles Frühere zu idealisieren und die Gegenwart negativ zu betrachten. Wissenschaftlich haltbar ist das alles nicht. Ich sehe es als Linguist gelassen – dass die deutsche Sprache schlechter wird, ist ein Missverständnis.

Wenn sich junge Menschen mit eigenen Codes unterhalten, werden ältere aber doch ausgeschlossen?

Sprache verbindet Menschen zu einer Gruppe und schließt andere aus. Das ist Tatsache. Wenn Erwachsene aber behaupten, sie würden ihre Kinder nicht mehr verstehen, dann übertreiben sie. Jugendliche wollen ihre eigene Identität erschaffen und diese auch zeigen. Das passiert im Übrigen nicht nur durch Sprache, sondern auch mit Mode, Musik oder Sport.

„Wir können im Jahr 2025 nicht über Social Media und KI reden und so sprechen wie 1960.“

Was sagen Sie zu Anglizismen im Deutschen?

Die sind für ältere Menschen tatsächlich oft ein Problem. Die junge Generation spricht meistens super Englisch. Aber meine Eltern zum Beispiel haben Schwierigkeiten, englische Slogans zu verstehen. In Werbungen ist das beabsichtigt, sie wollen „cool“ klingen und bestimmte Gruppen ansprechen. Anglizismen sind aber oft nur eine Ergänzung des Wortschatzes. Sie ersetzen selten deutsche Wörter.

Wie überwinden wir sprachliche Barrieren?

Vielleicht werden einzelne Begriffe nicht verstanden. Die Sprachbarriere ist aber nicht so groß, dass sich ein 14 Jahre altes Mädchen und ein 60 Jahre alter Mann nicht mehr unterhalten könnten. Gegenseitiges Verstehen ist immer möglich. Interessant ist, wie Schriftlichkeit und Mündlichkeit wechselwirken. Wenn Jugendliche auf WhatsApp schreiben, tippen sie die Nachrichten genau so, wie sie miteinander reden würden. Das nennt sich geschriebene Mündlichkeit. Untersuchungen zeigen, dass ältere Menschen sehr auf korrekte Rechtschreibung achten, wenn sie sich auf Nachrichtenplattformen unterhalten. Sie schreiben in Groß- und Kleinbuchstaben, machen Punkte, begrüßen und verabschieden sich wie im Briefverkehr. Jugendlichen ist das nicht wichtig.

Was charakterisiert die Jugendsprache noch?

Es gibt nicht nur eine Jugendsprache. Es existieren viele Ausprägungen. Das hat auch mit den Dialekten in Österreich zu tun. Außerdem spielt Migration eine wichtige Rolle. In der Schule und in der Freizeit wird von immer mehr Jugendlichen Arabisch oder Türkisch gesprochen. Einflüsse dieser Sprachen sieht man an den Jugendwörtern. Das Weglassen von Artikeln ist zum Beispiel ein Phänomen des migrantischen Sprachgebrauchs, das in unsere Alltagssprache übergeht. Dazu kommt, dass es noch nie eine Generation gegeben hat, die so viel gelesen und geschrieben hat wie Jugendliche heute. Sie sind dauernd online, lesen und tippen ununterbrochen. Jugendsprache ist ein Motor für den Sprachwandel.

Welchen Stellenwert hat Künstliche Intelligenz hierbei?

Sie eröffnet neue Möglichkeiten. Mein Freund war vorigen Herbst für eineinhalb Monate in China. Er konnte kein Wort Chinesisch, durch die Anwendung einer KI hat er sich super verständigen können. Die Technik hilft bei kommunikativen Problemen, sodass es uns vermutlich in Zukunft leichter fallen wird, mit unterschiedlichen Sprachformen umzugehen. Vielleicht gibt es KI-Übersetzer ja bald auch für die Jugendsprache?

Denken Sie, ältere Menschen würden das nutzen?

Da geht es nur ums Probieren. Es muss eine erste Hemmschwelle überwunden werden, dann tun sich auch ältere Menschen nicht schwer. Interessanterweise haben während der Pandemie sehr viele begonnen, Videotelefonie und Chats zu nutzen, um mit ihren Bekannten und Verwandten in Kontakt zu bleiben.

Ihr Resümee?

Jedes Mal, wenn sich Leute über den Sprachverfall und Jugendsprache oder Einflüsse aus anderen Sprachen beschweren, zeigt das nur, wie sehr es sie bewegt. Sprache ist elementar in unserem Leben verankert. Die ältere Generation könnte ein bisschen toleranter sein und auf Jugendliche zugehen, anstatt alles schwarzzumalen. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Vielleicht bekomme ich eine blöde Antwort, aber so entsteht Dialog.

Vielen Dank für das Gespräch.
Sprechen Sie Jugend?

Schere (heben) [schere]
Symbolisch für: „Mein Fehler, entschuldige!“

tuff [taf]
Slangwort für „cool“, „beeindruckend“

Checkst du [tschäcks-t du]
Neue Variante des „Verstehst du?“

rede [rede]
Ausruf der Zustimmung: „Genau das!“

Goonen [guunen]
Slangwort für intensive Selbstbefriedigung

Das crazy [das krej-si]
Ausdruck der Sprachlosigkeit: „Wow!“

Digga(h) [diggah]
Slangwort als Synonym für Bro, Freund

Lowkey [loh-kii]
„ein wenig“, „unauffällig“, „heimlich“

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