Die Berge sind sein Atelier

Leonhard Angerer fotografiert seit Jahrzehnten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. So wurde der Künstler zum Kronzeugen für den Raubbau an seiner Heimat.

von Rebecca Sandbichler
Der Künstler Leonhard Angerer im Porträt. Leonhard Angerer bei einer früheren Ausstellung im Innsbrucker Fotoforum. (c) privat

Vormittags kann Leonhard Angerer nicht telefonieren. Denn da ist er auf dem Berg. Wie jeden Tag. Am Nachmittag erzählt der Südtiroler Landschafts- und Architekturfotograf dann zufrieden von der Ausbeute seiner heutigen Tour: Mit Schi und seiner schweren Ausrüstung ist er die Plose hochgestiegen, den Hausberg von Brixen. Fliegende Seilbahnstützen im Wald fotografieren. Und verschreckte Greifvögel. „Es gab unzählige Hubschrauberflüge heute“, erzählt der Künstler. Die Stimmung habe ihn an einen Feldzug gegen die Natur erinnert.

Dass er den Neubau der bestehenden Kabinenbahn festhalten würde, wusste er im Vorhinein. Er werde kontrovers diskutiert in der Region, denn jede Bahn bringe neue Eingriffe, neue Waldschneisen mit sich. Angerer gehört zu jenen, die keine zusätzlichen Umlaufbahnen  im Land wollen, bestehende sollten nur modernisiert werden. Als negatives Beispiel zitiert er die neue Cabriobahn am Fuße des Rosengartens. Ein Naturfrevel, sagt er. Er selbst geht gerne zu Fuß in die Berge, weil er den Sport liebt, weil er sich in der Landschaft bewegen will und eine Verbindung zu ihr spürt. Wenn er eine Piste abfährt, dann nur einmal. Und wenn er sich inmitten von schifahrenden Massen aufhalten muss, weil er Fotos davon macht, „dann stresst mich das enorm“.

Doch der künstlerische Anspruch treibt ihn schon seit fast zwanzig Jahren immer wieder in verschiedene Schigebiete und auf Gletscher hinauf, „um die Veränderungen der Landschaft zu dokumentieren“. Veränderungen, die ihn stark berühren. Persönlich, weil er die Berge liebt. Und politisch, weil er die Ausnutzung seiner Umwelt nicht widerspruchslos hinnehmen will. „Die Landschaft ist unser Kapital. Aber wenn die Landschaft zur Ware wird, stört mich das. Und was mich stört, das fotografiere ich.“

In den Bildern, die der freischaffende Kunstfotograf macht, ist sein Ärger nicht direkt zu erkennen. Stattdessen transportieren die Fotos von geparkten Blechmassen an Talstationen, von Liftstützen im Fichtenwald, von betonierten Architekturen im Hang eine scheinbare Flüchtigkeit und Spontaneität – obschon Angerer seine Technik, den Umgang mit Licht und Perspektive seit 1968 perfektioniert hat. Erst bei genauem Hinsehen bildet sich in seinen subtil gewählten Ausschnitten die zweite, dritte Ebene heraus, hat man sich in dieser fotografierten Landschaft orientiert und sieht beispielsweise, dass der Schitourengeher in kurzen Hosen ja gar nicht auf einem reinen Schneehang in der Frühlingssonne sportelt – sondern sich hinter ihm ein Meer aus Schneeschutzvlies ausbreitet. Es sind Bilder wie ein spöttisches Lächeln, das man nicht sofort zu deuten weiß.

Mit vermeintlicher Einfachheit arbeitet der Künstler auch bei Instagram, wo er seine Fotos in einer Art Werk-Tagebuch regelmäßig teilt: „Südtiroler Landschaft im März“ wäre ein klassischer Titel für einen braunen Schütthaufen aus dem Aushub des Brenner-Basis-Tunnel-Baus, den er seit 2007 fotografisch begleitet. Oder für die verloren wirkende Gruppe blauer Schneekanonen im Schotter – pardon, man sagt „Schneeerzeuger“. Angerer macht seine fotografischen Kommentare, aber liefert keine Definitionen. „Ich lasse gerne etwas frei, denn ich habe die Wahrheit nicht gefressen.“ Man könne auf die Landschaft auch anders schauen als er. „Wenn ich einen zugedeckten Gletscher sehe, erinnert mich das an ein Leichentuch“, sagt er. „Ein Touristiker freut sich wahrscheinlich, weil der Schnee darunter geschützt ist.“ Und obwohl er sich mit seinen selbstgewählten Fußmärschen auf der Seite der Guten wähnen könnte, sieht er sich ebenfalls als Tourist, wenn er zum wiederholten Mal auf der Insel Elba urlaubt. „Ich bin selbst ein Konsument von Landschaft, sobald ich ans Meer fahre.“

Leonhard Angerer fängt den Raubbau an seiner Heimat ein.
Wie falsche Bäume liegen die Seilbahnstützen auf dem Brixner Hausberg Plose. So sieht es zumindest der Künstler. (c) Leonhard Angerer

Den Tourismus und die damit einhergehenden Zwänge lernte Angerer, der als Jahrgang 1953 schon pensioniert ist, hauptberuflich von innen kennen. Er unterrichtete Umweltkunde, Geographie und Naturwissenschaften an einer Hotelfachschule. Künstlerisch beeinflusste ihn das nicht negativ, im Gegenteil. Es habe es ihn befreit, die Fotografie nicht als Haupteinnahmequelle zu haben, seine zwei Kinder nicht damit ernähren zu müssen (der Sohn gründete übrigens mit seiner Partnerin das bekannte Wiener Pop-Duo Anger­, seine Tochter Alexandra macht unter dem Namen AliPaloma ebenfalls erfolgreich Kunst). „Ich konnte immer fotografieren, was ich will, und arbeiten, wie ich will“, sagt Angerer zufrieden. Einzelausstellungen produzieren will das Mitglied des Südtiroler Künstlerbundes hingegen nicht mehr so gerne. Zu anstrengend, findet er. Was angesichts seiner Beharrlichkeit, jahrelang an Themen und geographischen Gebieten zu arbeiten, verwundert.

„Schnee ist eine Dominante in meinen Bildern und auch in meinen Träumen.“

Leonhard Angerer

Vielleicht haben die Fotos für ihn den Wert mehr im Prozess als in der Rezeption. Schon in der Kindheit und Jugend waren sie sein Ausdrucksmittel der Wahl. Sein Vater, von dem er ein riesiges Fotoarchiv besitzt, baute Kameras und leitete das Südtiroler Fototechnik-Unternehmen Durst. Angerer kam so schon früh mit den neuesten Entwicklungen der Fotografie in Berührung. „Wir hatten natürlich ein Labor zuhause, haben uns über Kameratechnik unterhalten, aber auch sehr viel über Fotografie“, sagt er. Sein Vater habe ebenfalls Landschaften fotografiert, sei aber nicht der Meinung gewesen, dass man Fotografie als politisches Medium nutzen sollte. Der Sohn war politisch hingegen sehr aktiv: Als junger Politik- und Soziologiestudent in Padua schloss Angerer sich Mitte der Siebziger einer außerparlamentarischen, weit links angesiedelten Bewegung an und engagierte sich für Themen wie Ausbeutung und Arbeitergesundheit, gerechte Entlohnung für  Care-Arbeit und Gleichstellung. „Wir haben damals an der Uni schon Fragen der Migration und die Luftverschmutzung besprochen“, erzählt er. „Ein halbes Jahrhundert später muss ich feststellen, dass sich wenig getan hat.“

Seit 2005 dokumentiert er das Schmelzen der Gletscher, die deutsche Wochenzeitung Zeit nutzte seine Bilder damals, um den menschgemachten Klimawandel zu illustrieren. Heute sind dessen tödliche Folgen überdeutlich: Angerers 20er-Kunstposter zeigt einen Teil des Marmolada­-Gletschers in den Dolomiten. Dort hat im Juli 2022 ein riesiger Eissturz eine Seilschaft erfasst, wobei elf Menschen starben und acht weitere schwer verletzt wurden. Der Fotograf hat genug italienische Politik erlebt, um zu wissen, dass selbst so ein tragisches Unglück eine bestimmte Gruppe von Verantwortlichen nicht zum Handeln bewegen wird. „Aus der Sicht eines Kindes ist die Klimakrise eine reelle Bedrohung. Aus der Sicht eines alten Mannes nicht.“

Wohl aber für Angerer, denn er liebt den Schnee und die Schneelandschaften, die immer seltener werden. „Schnee ist eine Dominante in meinen Bildern und auch in meinen Träumen.“ Bestimmt hätten seine Bilder und ihre Symbolik immer ganz viel mit ihm zu tun, glaubt er. „Es kommt nicht alles aus dem Bewusstsein, was man so schafft.“.

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