Artschnitt: Eine zu viel 

Die Innsbrucker Künstlerin Nikolina Schuh Netz eckt an, ohne das zu wollen. Sie möchte doch bloß ihre Arbeiten zeigen. Mit der Serie „Prinzessinnen“ macht sie sich für ­Außenseiterkunst stark – und wird erstmals richtig gesehen.

von Rebecca Sandbichler
Die Künstlerin in ihrem alten Atelier im Schauhaus © Žunec

Das Atelier im ersten Stock des ehemaligen Industriegebäudes ist noch nicht fertig eingerichtet, aber eine Couch gibt’s und die Wandfliesen sind bereits mit Graffiti besprüht. Nikolina Schuh Netz, die mit bürgerlichem Namen Žunec heißt, entschuldigt sich, weil sie gar nichts anbieten kann. Sie dachte, es gäbe eine funktionierende Kaffeemaschine im Haus, aber da hat sie sich getäuscht. Auch sonst sei sie noch nicht richtig angekommen im improvisierten Innsbrucker Kulturquartier ­ St. Bartlmä. Aber die Community wirke vielversprechend.

Die aus Kroatien stammende Künstlerin kennt es, die Neue zu sein. Nicht nur, weil sie und ihr Partner, der Künstler Bertram Schrettl aka Bertram Schrecklich, immer wieder Atelierplätze wechseln mussten (zuletzt, als ihre Hausgenossen und sie eine große Abrissparty im ehemaligen „Schauhaus“ feierten, das sie zur Zwischennutzung bekommen hatten). Žunec stammt eigentlich aus Zagreb, ihr Akzent und einige kreative Wortschöpfungen im Deutschen erinnern daran. Nach Innsbruck kam sie der Liebe wegen: Sie hatte während ihres Soziologiestudiums eine Beziehung zu einem Zivildiener begonnen und folgte ihm nach dem Abschluss nach Österreich. „Wie ein hilfloses Kind“ habe sie sich gefühlt, als sie vor rund zwanzig Jahren in Tirol aufschlug ñ ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. In der Heimat noch eine mit Preisen ausgezeichnete Lyrikerin, war ihr sprachliches Vermögen im Kroatischen plötzlich nichts mehr wert. Ihr bestehendes Netzwerk innerhalb der Zagreber Kulturszene hatte sie ebenfalls verloren. „Ich habe damals alle Brücken eingerissen“, sagt sie.

Die erschütternde Erfahrung der Entwurzelung und des Identitätsverlustes brachte sie schließlich zur bildenden Kunst. Sie habe am Fließband einer Fabrik gestanden. „Ich glaube, wir haben Skitickets verpackt“ – und aus der puren Verzweiflung heraus entstand in ihrem Inneren eine Vision. „Du musst malen, sagte eine Stimme zu mir. Es war wie eine Erleuchtung“, so erzählt sie es. Sie tat das und hörte seither nicht mehr auf. Nur richtig wahrgenommen wurde sie damit bisher nicht.

Dabei ist Nikolina Schuh Netz eine unglaublich produktive Künstlerin, und umtriebig im Wortsinn. Sie lässt sich nicht auf ein Medium oder eine Stilrichtung beschränken. Für die Ausstellung „Running Anatomy“ in einem Seziersaal der Medizinuni zeichnete sie in feinen Strichen menschliche Organe, die ein Eigenleben entwickeln. Unmittelbar nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs wickelte sie Bilder in Mullbinden, um die Sensibilität von Kunst und die Verletzungen durch Krieg auszudrücken. „Mull“ verarbeitete Traumata, die sie als Kind im Jugoslawien-Krieg erlitten hatte, als sie unter anderem über Monate im Keller leben musste. Ihre Serie „Destroyed Animals“ kombiniert Fotocollage, Graffiti und Malerei ñ von ihr als Postvandalismus bezeichnet.

Es ist nicht so, dass Žunec zum Eifer der dazugehörige Ernst fehlen würde. Zu ihren Serien gibt es ausführliche Konzepte, eine theoretische Verankerung, Referenzen auf die Kunstgeschichte. Sie hakt strebsam all diese Kästchen ab. Dass sie keine zwanzig mehr ist und Sorge für ein Kind trägt, hemmt sie bestimmt im Vergleich zu jüngeren Kolleginnen, die ebenfalls am Anfang stehen, sich aber voll der Kunst widmen können. Žunec arbeitet im Hauptberuf als Dolmetscherin, persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderungen und Kunsttherapeutin. Sie könnte außerdem als Mutter niemals den ganzen Tag lang malen, obwohl sie das gerne würde. Und dass sie nie eine Akademie besucht hat, steht ihr womöglich auch im Weg.

Aber Nikolina Schuh Netz will sich auf all solche Dinge nicht herausreden. „Mein Kind ist genauso eine Quelle der Inspiration für mich. Und es gibt viele erfolgreiche Leute, die autodidaktisch Kunst machen.“ Am ehesten möge stimmen, dass sie „ein komplexer Charakter“ ist und manchmal unzugänglich wirke, weil sie introvertiert sei. Ihre Arbeiten sind mitunter düster, auch sperrig, wie ihr Künstlername. Vielleicht sei der Tiroler Kunstmarkt einfach zu klein, um Platz für echte Vielfalt zu haben, überlegt sie. „Aber wer weiß, ob es mir in Berlin besser ginge?“

Nikolina Schuh Netz will ihre Prinzessinnen draußen ausstellen (c) Žunec

„,Du musst malen‘, sagte eine Stimme zu mir. Es war wie eine Erleuchtung.“

Nikolina Schuh Neetz 

So richtig erklärt sich nicht, warum sie mit ihren Projekten – zu denen der vielbeachtete Porträt-Blog „Humans of Innsbruck“ zählte – bisher oft gegen Wände rannte. Mal wurde eine teuer produzierte Ausstellung zur Nullnummer, weil der Inhaber nicht mal zur Vernissage kam. Mal verrechnete ihr eine staatliche Institution statt einer angemessenen Gage sogar das Buffet für die Eröffnung. Und dann lehnte sie eine Fördergalerie für junge heimische Künstlerinnen und Künstler ab, weil sie – zusammengefasst – erst ihr Portfolio schärfen solle. „Obwohl ich genau dieses Portfolio bei der Tiroler Künstler:innen Vereinigung Tirol eingereicht hatte und aufgenommen wurde. Dabei sind die sehr streng“, sagt sie. Wenn nicht mal eine Galerie für Neulinge ihre Werke zeigen wollte, wo sollte sie in diesem Land noch ausstellen können? Žunec verkrallt die Hände in den schwarzen Haaren, wie sie es öfters macht, wenn sie über eine Frage genau nachdenkt. „Ich bin 46. Ich habe keine Zeit mehr, jahrelang einen roten Faden zu suchen“, sagt sie schließlich. „Außerdem war mein Konzept für die Ausstellung ja in sich geschlossen.“ Ihre 13 Prinzessinnen wollte sie zeigen. Die großformatigen Bilder lehnen an den Wänden ihres Ateliers. Jede der Figuren hat einen eigenen Charakter, Superheldinnen gleich. Manche sind plakativ in einer Farbe gehalten, andere mit verspielten Details ausgestattet. Alle sehen so aus, als hätte sie ein Kind gemalt.

Nikolina Schuh Netz begeistert sich schon lange für Art Brut, die vermeintlich naive Kunst von Außenseitern. „Ich wollte herausfinden, wie es ist, wieder wie ein junges Mädchen zu malen, so wie meine Tochter“, sagt sie. Ein Mädchen, das Prinzessinnen erfinde, sei stark. Es malt sich eine Zukunft aus, in der es Macht hat. Ihre 13. Prinzessin, Ähnlich der 13. Fee im Märchen Dornröschen, ist auch eine Anspielung an eine Frau, die niemand eingeladen hat und die den Erwartungen der Gesellschaft nicht entspricht.

Als diese Arbeit abgeschmettert wird, reagiert Nikolina Schuh Netz mit produktivem Trotz: Sie will die Bilder unter jene Autobahnbrücke hängen, wo schon bekannte Street-Art-Künstler wie HNRX ihre Werke hinterlassen haben. Die Prinzessinnen werden von der Witterung langsam verunstaltet werden, vielleicht auch von Vandalen zerstört. Das gefällt ihr, „gerade weil Kinderzeichnungen ja so unschuldig sind“. Ihre Geschichte von der Kunst, die keinen Platz bekommt und zerstört wird, knüpft an Arbeiten wie „Mull“ und „Destroyed Animals“ an. Doch bevor Nikolina Schuh Netz diese erzählen kann, überrascht sie die Anfrage des Innsbrucker Kunstraums, unter der Leitung von Ivana Marjanovic: Zwei der Prinzessinnen sollen bis zum 21. Mai in der feministischen Gruppenausstellung „When we move it‘s a movement“ zu sehen sein. Gemeinsam mit Werken von etablierten Kolleginnen wie Katharina Cibulka, Ursula Beiler oder Judith Klemenc. Dieses Mal steht Nikolina Schuh Netz auch auf der Liste. Dieses Mal ist sie eingeladen.

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