„An der Suche nach Therapie verzweifeln viele“

Hilfe für alle, die sie brauchen: Daran arbeitet der Verein für Psychotherapie. Die neue Anlaufstelle in Tirol bietet Therapieplätze innerhalb einer Woche. Auch für Menschen, die nicht den vollen Tarif zahlen können. Ein Interview mit den Verantwortlichen.

von Rebecca Sandbichler
(c) pexels
Julia Staller-Niederhammer, Sie sind von Wien hierhergekommen, um ein neues Angebot in Tirol aufzubauen. Worum geht es dabei?

Wir bieten in Wien seit vierzehn Jahren einen psychotherapeutischen Bereitschaftsdienst an und helfen Menschen, einen passenden Therapieplatz zu finden. Aufgrund einer Kooperation mit der Österreichischen Hochschüler_Innenschaft, mit der wir Studierenden über die ÖH Helpline eine kostenlose Beratung bieten können, haben wir das Angebot österreichweit ausgerollt. Für Tirol ist mein Kollege Sven Rauber der Ansprechpartner. Wie viele unserer Mitglieder, ist er Therapeut in Ausbildung unter Supervision.

Gerade während der Covid-Pandemie zeigte sich, dass die psychosoziale Versorgung in Österreich ausbaufähig ist. Welche Lücke füllt Ihr Verein?

Staller-Niederhammer: Zu Beginn ging es wirklich um eine Versorgungslücke: Gegründet haben ihn eine Psychotherapeutin und ein Psychotherapeut (beide in Ausbildung unter Supervision), die an einer Klinik tätig waren. In der Weihnachtszeit fiel ihnen auf, dass viele Klientinnen und Klientinnen ohne weitere Betreuung aus der Psychiatrie entlassen wurden. Also gründeten sie einen Bereitschaftsdienst aus Therapeutinnen und Therapeuten, die diese Menschen auffingen.

Mittlerweile wurde der ausgeweitet.

Staller-Niederhammer: Genau. Denn der Zugang zu Therapie ist in Österreich schwierig: Es gibt nur ein gewisses Kontingent an voll refundierbaren Therapieplätzen. Es kann zermürbend sein, auf so einen zu warten. Und die privat finanzierte Therapie kostet durchschnittlich hundert Euro pro Stunde, was selbst für Gutverdienende eine Menge Geld ist. Für jene, die es brauchen, vermitteln wir auch Therapie zum Sozialtarif – da geht es bei rund vierzig Euro los.

Sven Rauber: Das Tiroler Modell ist noch mal besonders, da es bei uns eine stark begrenzte Zahl an sogenannten voll finanzierten „Modellplätzen“ gibt. Es ist ganz selten, dass in der Online-Liste des Berufsverbandes ein solcher Platz überhaupt aufscheint. In der Regel sind diese schon vorher vergeben. Je nachdem, in welcher Situation ich psychisch stecke, ist es schwer, da dranzubleiben. Wir haben einen Live-Überblick, welche unserer Mitglieder einen Platz frei haben und wer beispielsweise einen Sozialtarif anbietet. Die meisten Kolleginnen und Kollegen bieten solche ermäßigten Plätze an, doch in der Regel weiß man davon nichts. Wir aber schon.

Kommen vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen zu Ihnen?

Staller-Niederhammer: Anfangs war das der Schwerpunkt, ja. Heute ist bei uns in Wien das Publikum bunt durchmischt: vom Kind bis zum Pensionisten, auch Paare sind dabei. Es kommen mittlerweile viele Personen, die keinen Sozialtarif brauchen, aber schlichtweg an der Suche verzweifeln: Denn dazu muss man lange Listen von Praxen durchtelefonieren. Entweder erhält man keine Antwort oder man hat einen Termin ergattert, aber fühlt sich in der Praxis nicht wohl – und alles beginnt von vorne. Hier setzen wir mit unserem Angebot an: Wir finden meist innerhalb einer Woche einen passenden Platz.

Wie gehen Sie da vor?

Sven Rauber: Die erste Beratung ist einerseits ein Entlastungsgespräch, da die Menschen ja meist in einer Krisensituation nach Hilfe suchen. Im Termin versuche ich, zunächst die Situation der oder des Betroffenen zu verstehen. Ich erkläre den Ablauf und stecke ab, welche Erwartungen und Bedürfnisse es gibt.

Es ist ja für Laien nicht so leicht, herauszufinden, welche Art von Therapie passen könnte.

Rauber: So ist es. Ich erkläre darum neben den Fragen rund um die Finanzierung auch die verschiedenen Behandlungsformen bzw. Fachrichtungen. Dann überlege ich mir: Was und mit wem könnte die Therapie funktionieren?

Staller-Niederhammer: Es ist nicht schlimm, wenn man mit dem ersten Therapeuten oder der ersten Therapeutin nicht zufrieden ist. Es ist ganz wichtig, sich in der Therapie wohlzufühlen und dabei auf seinen Bauch zu hören. Man kann sich jederzeit an Sven wenden und er sucht einen neuen Platz. Es entstehen keine weiteren Kosten – über die sechzig Euro hinaus, die Nicht-ÖH-Mitglieder für unsere Angebot einmalig bezahlen. Etwa zwei Monate nach dem Erstgespräch telefonieren wir sowieso hinterher und fragen: Bist du gut gelandet oder brauchst du noch was? Wenn es zu Beginn einen Wechsel gegeben hat, passt es in der Regel beim zweiten Mal aber.

Wie wählen Sie eigentlich jene Therapeutinnen und Therapeuten aus, mit denen Sie arbeiten? Und was ist der Vorteil für diese?

Staller-Niederhammer: Prinzipiell darf jeder  und jede Mitglied werden, die oder der entweder bereits eingetragene Therapeutin oder Therapeut ist oder noch in Ausbildung unter Supervision arbeitet. Über unser Portal können die Mitglieder ihre Tarife, freien Plätze und Fachgebiete angeben. Vielleicht habe ich ja mittwochs zwischen zehn und elf einen Zeitraum frei, den ich nie loskriege? Mit unserem System ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich eine passende Klientin oder einen Klienten finde. Viele unserer Mitglieder schätzen es auch, dass die Klientinnen und Klienten durch unsere Vorarbeit bereits gut aufgeklärt zu ihnen kommen.

Rauber: Und gerade in der Ausbildung unter Supervision ist es sehr hilfreich, dass man sich über die Plattform einen ersten Stamm an Klientinnen und Klienten aufbauen kann.

Sie haben über die ÖH-Kooperation ja ein kostenloses Angebot für Studierende geschaffen. Mit welchen Themen kommen die denn an?

Rauber: Es gibt definitiv eine Häufung von „Ich sitze vor meiner Arbeit, die ich schreiben soll, und nichts geht mehr“. Damit kommt noch alles andere daher. Viele Stress- und Angstsymptomatiken hängen damit zusammen. Auch Antriebslosigkeit, Depressionen und regelrechte Sinnkrisen: Was tue ich da eigentlich und warum?

Das Thema war zuletzt ein heißes Eisen: Haben Sie das Gefühl, es tut sich was bei der psychischen Gesundheitsversorgung im Land?

Staller-Niederhammer: Es gibt einige gute Schritte, aber die Wirksamkeit kann ich noch nicht einschätzen. Es kommt sicher auch darauf an, wo in Österreich man sich befindet. Das fällt mir beim Aufbau unserer Bundesländer-Angebote stark auf: Überall ist es anders geregelt und in jedem Bundesland sagt man, die eigene Lösung sei die Beste. Es wäre schön, wenn das einmal angeglichen würde.

Psychotherapeutischer Bereitschaftsdienst

Der Psychotherapeutische Bereitschaftsdienst vermittelt erstes Grundwissen zur Therapie, der Finanzierung und hilft individuell bei der Suche nach einem passenden Platz. Der Tiroler Standort befindet sich in der Maximilianstraße 2/3.Stock/Raum 358. Terminvereinbarung entweder unter der Telefonnummer 0512 250070 – oder online unter: www.bereitschaftsdienst.at

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