Äpfel unter Strom

Im steirischen Haidegg wird getestet, wie Äpfel, Marillen, Kirschen, Himbeeren und andere Obstarten unter einer Photovoltaik-Anlage gedeihen, um künftig Lebensmittel- mit Stromproduktion zu kombinieren. Funktioniert das?

von Eva Schwienbacher
Die PV-Anlage über Apfelbäumen in Haidegg. (c) Das Land Steiermark|Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg.
Herr Steinbauer, die Versuchsstation für Obst- und Weinbau Haidegg in der Steiermark betreibt seit drei Jahren eine sogenannte Agri-PV-Anlage. Was genau untersuchen Sie?

Leonhard Steinbauer: Bei der Agriphotovoltaik geht es darum, Landwirtschaft und Photovoltaik zu kombinieren. Und genau das wollen wir hier in Haidegg. Wir wollen herausfinden, wie man einen Standort sowohl zur landwirtschaftlichen Produktion als auch zur Stromerzeugung nutzen kann. Wir produzieren Strom und untersuchen zugleich die Schutzwirkung der Agri-PV-Anlage vor Regen, Hagel, übermäßigem Sonnenschein, Wind und auch Blütenfrost.

Wie kann man sich diese Anlage vorstellen?

Die Versuchsanlage befindet sich direkt neben dem Hauptgebäude der Versuchsanstalt. Auf einer 5.000 Quadratmeter großen Anbaufläche haben wir 2.775 mit PV-Paneelen überdacht. Auf ebenfalls 5.000 Quadratmetern stehen dieselben Obstsorten ohne Photovoltaik. Die Versuche werden mit Äpfeln, Birnen, Kirschen, Sauerkirschen, Marillen, Mirabellen, Pfirsichen und Zwetschken angelegt. Bei der PV-Anlage handelt es sich um eine hochaufgeständerte Pultdachkonstruktion. Die Kulturen befinden sich direkt darunter. Diese Form ermöglicht es unter anderem, die Pflanzen vor Nässe zu schützen und gleichzeitig den Regen für die Bewässerung zu nutzen. Die PV-Module selbst sind 49 Prozent lichtdurchlässig und bifazial ausgeführt. Das heißt, dass das Licht von beiden Seiten eingefangen werden kann. Der Vorteil des Obstanbaus für die Stromerzeugung ist die Nord-Süd-Ausrichtung der Obstzeilen.

Inwiefern?

Durch die Nord-Süd-Ausrichtung bekommen die Pflanzen über den Tag verteilt gleichmäßig Licht: Morgenlicht von Osten, Abendlicht von Westen. PV-Anlagen auf Dächern oder anderen Flächen haben in der Regel eine Südausrichtung. Wenn ich nun aber diese Obstzeilen mit einem Pultdach ausstatte, produziere ich Ost- und Weststrom, vormittags und nachmittags. Das ist genau jener Strom, den wir in Zukunft benötigen. Wir können also die Stromproduktion an den Bedarf anpassen.

Leonhard Steinbauer leitet die steirische Versuchsstation für Obst- und Weinbau in Haidegg. (c) Das Land Steiermark|Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg
Es werden lichtdurchlässige Module verwendet, weil Pflanzen bzw. ihre Früchte Licht zum Wachsen und Reifen benötigen. Heißt das nicht auch weniger Strom?

Das stimmt. Die Leistung dieser Module liegt mit rund 305 Wattpeak unter jener herkömmlicher PV-Module, doch dieser Nachteil wird durch einen entscheidenden Vorteil ausgeglichen: Die Pflanzen unter der Anlage kühlen bei Hitze durch Verdunstung die Blätter und Früchte und damit auch die Umgebungsluft und in Folge die Module, wodurch sie leistungsfähiger bleiben. Denn klassische Dachanlagen verlieren bei jedem Grad Erwärmung über der Standard-Temperatur von 25 Grad 0,4 Prozent Leistung. Bei starker Erhitzung kann die Leistung von PV-Paneelen bis zu 25 Prozent sinken. Im Gegensatz dazu bleibt die Agri-PV-Anlage deutlich stabiler. Auf einer vergleichsweise kleinen Modulfläche von 2.775 Quadratmetern produzierten wir hier in Haidegg jährlich über 400.000 Kilowattstunden Strom, trotz der regenreichen Jahre 2023 und 2024. Das ist deutlich mehr als prognostiziert. Mit dem erzeugten Strom decken wir fast den gesamten Bedarf der Versuchseinrichtung, einschließlich eines relativ energieintensiven Labors für die Boden- und Blattanalyse. Mit der Erweiterung wollen wir auch den Strom für die E-Ladestation, die wir errichten wollen, erzeugen.

Das Projekt läuft mittlerweile seit drei Jahren. Wie hat sich die Anlage bewährt?

Was uns positiv überrascht hat, war, wie gut die Anlage als Regenschutz funktioniert. 2024 war ein sehr nasses Jahr und Nässe verursacht Pilzkrankheiten. Speziell im Apfelanbau ist der sogenannte Schorf ein großes Problem. Die Paneele haben den Befall deutlich verringert, was wiederum den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erübrigt. Bei der biologischen Obstanlage ohne PV mussten wir 29 Pflanzenschutzmaßnahmen setzen und trotzdem war der Schorfbefall doppelt so hoch wie unter der Agri-PV-Anlage ohne chemischen Pflanzenschutz. Ebenso hilft die Anlage gegen Frost. Während etwa unter der nicht überdachten Kontrollfläche im Frostjahr 2023 die Pfirsichblüten erfroren sind, mussten die Bäume unter der PV-Anlage sogar ausgedünnt werden – teils bis zu 70 Früchte pro Baum. Vergleichbar ist der Schutzeffekt mit einem Carport, unter dem auch Autos in Frostnächten eisfrei bleiben. Blüten erfrieren meist ab minus ein bis minus zwei Grad. Unter der PV-Anlage bleibt die Temperatur offenbar stabiler. Dieser kleine Temperaturvorteil kann in puncto Ernte oder Ernteausfall entscheidend sein. Einen besseren Schutz hätten wir uns gegenüber Hagel erhofft. Da hat die Anlage allerdings versagt.

Die starken Unwetter in den Sommern 2023 und 2024 richteten einen enormen Schaden in der steierischen Landwirtschaft an.

Ja, bei dem großen Unwetter 2023 ist der Hagel an den Paneelen in die nächste Reihe abgeprallt, wie bei einem Billardtisch, wodurch zwei Drittel der Bäume im unteren Bereich beschädigt wurden. Und im letzten Jahr war es ganz schlimm. Da gab es im Juni dieses verheerende Unwetter in der Steiermark, wo in Deutschfeistritz die Autos davongeschwommen sind. Auch unsere Anlage wurde beschädigt. An einem zusätzlichen Hagelschutz durch Netze führt deshalb auch hier in Haidegg kein Weg vorbei. In Österreich steigt die Temperatur stärker als im globalen Durchschnitt. Und das wirkt sich natürlich aus. Die Extremwetterereignisse nehmen zu. Stürme werden stärker, Niederschläge werden ungleichmäßiger verteilt. Zudem droht heuer auch noch eine massive Trockenheit. Die Grünlandbetriebe brauchen gar nicht mehr mähen gehen. Es wächst nichts mehr. Und wenn wir in die Schweiz blicken, wo ein ganzes Bergdorf durch einen Bergsturz verschüttet wurde, dann ist das schon sehr dramatisch.

Der kürzlich veröffentlichte Sachstandsbericht zum Klimawandel in Österreich zeigt, dass die Landwirtschaft besonders betroffen ist. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse decken sich also mit Ihren Beobachtungen.

Ich bin seit über 40 Jahren im Obstbau tätig. Die ersten 30 Jahre sind beinahe ohne Extremwetterereignisse verlaufen, aber seit 2016 gab es nur zwei Jahre ohne extreme Wetterereignisse wie Dürre, Sturm oder Frost. Wegen dieser Extremwetterereignisse entscheiden sich auch immer mehr Landwirte, Obstkulturen aufzugeben und Flächen zu roden, weil sie den Anbau für nicht mehr sinnvoll und tragfähig halten. Das ist erschreckend. Die Entwicklung der Hagelversicherung verdeutlicht noch die wirtschaftliche Dimension: Der steirische Landeszuschuss zur Hagelversicherung ist von rund vier Millionen Euro im Jahr 2014 auf zuletzt beinahe 16 Millionen Euro jährlich gestiegen. Das ist eine Vervierfachung! In Summe der eingesetzten Landes- und Bundesmittel wurden 2025 knapp 30 Millionen Euro an Förderungen allein für Gefahrenversicherungen ausgezahlt – und das nur für die steirische Landwirtschaft! Diese Zahlen zeigen: Die Schäden nehmen zu, und sie verursachen massive Kosten, die von Betrieben nicht mehr allein tragbar sind. Der Sachstandsbericht zeigt auch, dass Prävention, also zum Beispiel der Bau von Schutzsystemen wie Agri-PV, weitaus kostengünstiger ist, als Schäden nachträglich zu reparieren. Was wir aber derzeit erleben, ist ein Rückbau in Sachen Klima- und Umweltschutz. Es ist besorgniserregend, wenn unser Landwirtschaftsminister Klimaschutz als Kür und nicht als Pflicht sieht, wie er es vor Kurzem in einem Interview gesagt hat.

Inwiefern hilft eine solche Anlage wie in Haidegg, die Folgen des Klimawandels abzufedern?

Wie bereits erwähnt, reduziert die PV-Anlage Pilzkrankheiten und damit auch den Pflanzenschutzmittelbedarf, gleichzeitig wirkt sie sich positiv auf die Ernte aus. Ersteres ist wichtig, weil auf EU-Ebene seit 2019 keine neuen Pflanzenschutzmittelwirkstoffe mehr zugelassen wurden und bei vielen älteren Wirkstoffen die Zulassungen auslaufen. In Zeiten zunehmender Wetterextreme ist es also ein entscheidender Vorteil, wenn man prinzipiell weniger auf Pflanzenschutzmittel angewiesen ist. Unser Ansatz folgt dem Pareto-Prinzip: Gerade in Zeiten des Klimawandels ist es problematisch, auf 100 Prozent Effizienz, also Gewinnmaximierung, zu setzen, denn dann hat man keine Reserve, wenn etwas schiefläuft. Lieber mit reduziertem Aufwand 80 Prozent des möglichen Ziels erreichen, dafür aber resilienter, flexibler und nachhaltiger handeln.

Ist eine solche Anlage auch wirtschaftlich sinnvoll?

Unsere Agri-PV-Anlage war als reines Versuchsprojekt geplant, mit entsprechend hohen Investitionen und ohne Skalierungsvorteile. Heute, mit zunehmender Erfahrung und Skalierung, lassen sich die Kosten besser abschätzen: Sie liegen etwa 20 Prozent über den Kosten einer klassischen Freiflächenanlage. Das Teuerste war der Transformator (1.250 Kilovoltampere) mit einem Preis von 400.000 Euro, der aber die in diesem Jahr anstehende Erweiterung der Agri-PV-Versuchsflächen schon abdeckt. Weitere Kostenfaktoren sind die Stromableitung zur Netzebene, die Wechselrichter und die Aufständerung. Letztere ist im Obstbau rund fünfmal teurer als bei Flächenanlagen. Das liegt daran, dass sie höher ist, damit Maschinen darunter Platz haben, und robuster und stabiler gebaut werden muss, um der erhöhten Windlast standzuhalten. Dann sind noch die Module selbst, die aber immer billiger werden.

Wie rentiert sich das für Landwirtinnen und Landwirte?

Da ist preislich viel in Bewegung. Die Technik wird laufend günstiger. Dafür erzeugt die Anlage wertvolleren Strom, weil die Module eine Ost-West-Ausrichtung haben und nicht nur zu Mittag, sondern auch morgens und abends Energie liefern, also dann, wenn der Bedarf höher ist. In Zukunft wird sich das auch bei der Preisbildung abbilden. Das ist ein entscheidender Vorteil, gerade wenn es um den Umstieg auf erneuerbare Energieträger geht.

Gibt es schon Interessenten?

Ja, die gibt es. Die weitere Umsetzung scheitert aber oft noch am fehlenden Netzausbau. Die notwendigen gesetzlichen Voraussetzungen, die noch vor der Sommerpause beschlossen werden sollten, werden wohl erst Ende dieses Jahres kommen. Ich bin aber trotzdem überzeugt, dass es nicht bei einem Pilotprojekt bleiben wird.

Sind Landwirte also die Stromerzeuger von morgen?

Ich denke, dass die Obstbauern Stakeholder der Energiewende werden können – je nach Lage in dem einen Gebiet mehr als in einem anderen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Warum ist das gut fürs Klima?

Extremwetterereignisse nehmen aufgrund des Klimawandels zu und werden immer mehr zur Bedrohung – auch für die Landwirtschaft. Der Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung wird immer dringlicher. Gleichzeitig konkurrieren etwa Solarzellen im Freiland mit der Landwirtschaft um Flächen. Hier kommt Agriphotovoltaik ins Spiel, die beides – also Lebensmittelproduktion und Energieerzeugung – kombiniert und darüber hinaus hilft, Folgen des Klimawandels, die etwa durch Dürre oder extreme Hitze entstehen, zu reduzieren.

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Jeder und jede kann gegen die globale Erwärmung viel tun, doch auch neue Technologien haben großen Einfluss. Für Laien sind diese oft schwer zu verstehen. Darum erklären uns in der Interview-Serie ‚Über Morgen‘ die schlausten Köpfe der Welt ihre Erfindungen gegen die Klimakrise. Ob wir diese nun gut finden – oder auch nicht.

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