Ach, du Kacke!

Rubén Abruña hat einen wichtigen Film gemacht: über unsere Fäkalphobie und die Versöhnung mit dem Planeten.

von Theresa Girardi
Luftaufnahme der Klärbecken von Chicago (c) Holy Shit/ThurnFilm

Der Regisseur hat Mitbringsel im Gepäck. Bei der Innsbruck-Premiere von „Holy Shit“ im Leokino verteilt Rubén Abruña Gefrierbeutel mit braunem, körnigem Inhalt. Das Publikum könne gerne schnuppern, den Inhalt auch befummeln. „Nur bitte nicht im Saal verteilen.“ Denn es handelt sich um kompostierte Scheiße aus der Trockentoilette. 

Tatsächlich ist sie fast geruchsfrei. Abruña zeigt sich sichtlich begeistert vom Stoff seines neuen Films. Auf der Suche nach besseren Lösungen für unsere täglichen Hinterlassenschaften bereiste er 16 Städte auf vier Kontinenten. Scheiße stinkt normalerweise nicht nur gehörig, sie bringt den Planeten auch zunehmend unter Druck, verdreckt Trinkwasser und endet oft als giftiger Klärschlamm auf Feldern und in Böden. Dabei könnte man das, was am Ende unseres Verdauungsprozesses steht, sinnvoll nutzen – Scheiße sprichwörtlich in Gold verwandeln.  

„Put the poop back into the loop“, lautet Abruñas Mission. Menschliche Fäkalien zurück in den natürlichen Kreislauf bringen. Und so folgt man dem Filmemacher in seinem Kackmobil von Deutschland in die USA, nach Indien und Kenia. Wo riecht die Scheiße am besten? Dort, wo sie nicht in der Kanalisation und in Kläranlagen landet, sondern direkt kompostiert wird. In einem Slum in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, trifft Abruña auf Patrick Mavo. Der junge Mann führt ein Ghetto-Forschungslabor und zeigt – in Flipflops über eine Müllhalde stapfend –, wie der Inhalt aus der Nachbarschafts-toilette zu fruchtbarem Dünger für die Gemüsefelder wird. Mit Afrika, so ist Mavo sicher, geht es bergab, wenn solche ökologischen Ideen nicht genutzt werden. „Die Komposttoilette ist die Antwort auf alle Probleme.“

Vorhang auf: Klohäuschen im Slum von Kampala, Uganda (c) Holy Shit/ThurnFilm

„Holy Shit“ behandelt kein ökologisches Nischenthema. Mehr als 3,5 Milliarden Menschen fehlt der Zugang zu hygienischen Toiletten. Viele erkranken, weil sie ihr Geschäft im Freien verrichten müssen. Und auch bei uns, wo ausgebaute Leitungen in aufwändige Kläranlagen führen, sorgen die halbfesten Verdauungsüberreste für Probleme. Gemischt mit Abwässern aus der Industrie entstehen Schlämme, die nachweislich toxisch sind. In Hamburg und Genf haben sich Wohnkomplexe darum gleich ganz von der Verbindung zur Kanalisation verabschiedet. Dezentrale Kläranlagen erzeugen aus den Exkrementen der Bewohner Strom und Dünger. 

Eine Idee, die sich die industrielle Landwirtschaft abschauen müsste. Denn die Phosphate für die Herstellung von chemischen Düngemitteln werden knapper – wie auch das Wasser. Abruña selbst, so sagt er, sei erstmals 2000 mit dem Thema in Berührung gekommen, als er die Trockentoilette seines Bruders in Puerto Rico aufsuchte. „Ich war schockiert, weil da keine schlechten Gerüche waren.“ Ihm sei klar geworden, dass er etwas gegen den Ekel der Menschen vor ihren eigenen Fäkalien unternehmen wolle. In der jahrelangen Recherche habe er herausgefunden, dass wir uns langsam, aber sicher wohler fühlen und weniger Scheu haben, die Ausscheidungen unseres Körpers als Ressource zu begreifen. „Ich wusste auch, dass es hilfreich sein würde, die Geschichte mit Humor zu würzen“, gibt Abruña zu. Das ist ihm gelungen. Seine filmische Botschaft ist nicht nur informativ, sondern auch ganz schön unterhaltsam. Und sie wirkt nach: Beim nächsten Klogang überlegt man doppelt, das wertvolle Gut so einfach wegzuspülen.

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