Wer nach dem Essen beim Chinesen einen Glückskeks bekommt, liest die Sprüche, belächelt sie, lässt sie liegen und vergisst sie, noch bevor er oder sie zur Tür hinaus ist. Doch für Hans-Joachim Gögl, der das Konzept der Veranstaltungsreihe entworfen hat, sind Glückskekse eine Sammlung unserer Hoffnungen, Befürchtungen und unserer Begehren: „Sie werfen Fragen auf, die uns alle im Innersten betreffen.“
Etwa 15.000 verschiedene Sprüche gebe es in den Glückskeksfabriken da draußen. Nach und nach werden sie gezogen und dienen als Inspiration fürs Philosophische und die Musik. Was das Publikum an diesen drei Abenden zu sehen bekommt, ist vollkommen improvisiert. Improvisationen können scheitern oder gelingen, in jedem Fall sind sie ein Wagnis. Gögl bringt es auf den Punkt: „Wir beobachten jemanden, der riskiert, im Hier und Jetzt zu agieren.“
Über die „Glückskeksimprovisationen“
Bei den BTV „toninton“ Konzerten werden an jedem der drei Abende sieben Glückskekse zufällig ausgewählt. Der Gast soll dann zu jedem Spruch seinen Gedanken sieben Minuten lang freien Lauf lassen. Nach jedem Vortrag folgt ein kurzes, ebenfalls improvisiertes Intermezzo.
Mittwoch.
„Das ist der Bruder von Herbert Grönemeyer“, sagt ein älterer Herr aus dem Publikum über den Redner des ersten Abends, Reimer Gronemeyer. Eine kurze Internetrecherche zeigt, dass man den Worten von Menschen nicht immer glauben sollte, auch wenn sie graue Haare haben und Anzüge tragen. Gronemeyer ist also nicht Grönemeyers Bruder, dafür aber Theologe, Soziologe und Altersforscher aus Hamburg. Begleitet werden seine Ausführungen an diesem Abend vom Cellisten Clemens Sainitzer, der sein Instrument mit dissonanter Virtuosität bespielt. Gronemeyers erster Satz ans Publikum hat es in sich: „Sie sind vielleicht gekommen, um mich, einen alten Trottel, scheitern zu sehen.“ Die Stimmung ist direkt gelöst, er beginnt eine Geschichte zu erzählen. Vor Kurzem war in Namibia, wo er Hermione, eine 108 Jahre alte Frau, kennenlernte. Sie wohnt in einer Hütte gemeinsam mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Lange Zeit war sie Nomadin, nie in ihrem Leben hatte sie Zugang zu Strom oder fließendem Wasser. Der vielfach ausgezeichnete und hochdekorierte Professor sitzt im Zuhause dieser Frau, die noch nie einen Arzt oder eine Schule besucht hat, und wird von einem Gefühl der Demut übermannt: „Wir kleine, schräge, verbrauchende Elite leben mit so viel Quatsch, von dem wir glauben, dass wir ohne ihn nicht leben können.“ Obwohl das Treffen zwischen den beiden nur dreißig Minuten hätte dauern sollen, bleibt er viele Stunden lang bei ihr und kehrt als ein anderer zurück in seine Welt. Zum Schluss hat die Frau auch noch eine Frage für den Professor: „Warum ist mir dieser eine Zahn geblieben?“ Gronemeyer beschäftigt diese Frage bis heute.
Donnerstag.
Georg Breinschmid sieht aus wie einer, der ein bisschen was von Glück versteht. Der hochprämierte Jazzmusiker trägt Strohhut und zupft so lässig an den Kontrabass-Saiten, dass man sich von der BTV-Konzerthalle in eine verrauchte Bar in Havana versetzt fühlt. Überdramatisch zieht er den ersten Glückskeks und liest: „Am reichsten sind die Menschen, die auf das Meiste verzichten können.“ Eine Steilvorlage für Ariadne von Schirach, die Berliner Philosophin. Sie erklärt zunächst die Facetten von Glück: Zufriedenheit sei das Resultat gut getroffener Entscheidungen. Dann gebe es den Zufall – das, was einem zufällt. Und eben das Glück, das sich anfühlt, als würde auf das Leben ein Goldstrahl fallen. Zurück zum Keks: Epikur, der Begründer der Lebenskunst, habe gesagt: „Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit.“ Sie selbst habe früher immer wenig Geld aber bewusst viel Zeit gehabt. Diese investierte sie in gute Beziehungen, persönliches Wachstum und den Versuch, ein guter Mensch zu sein. Alles, wie sie später noch erklärt, wichtige Zutaten des Glücks. Den Tod zu hören – also zu wissen, dass man nur eine kurze Zeitspanne auf diesem Planeten hat – sei Motor beim lebenslangen Streben nach Glück. Und dann seien gerade die unbequemen Gefühle, die scheinbar im Weg stehen, unterschätzte Ratgeber: „Der Neid, das Bedauern, die Trauer oder die Wut sind unser Ampelsystem. Steht eine Ampel auf Rot, wissen wir: Hier geht es nicht weiter.“ Dann sei es Zeit, sich in der Welt neu auszurichten. Denn: „Mensch zu sein heißt, darüber nachzudenken, was es heißen könnte, ein Mensch zu sein. Jeder von uns ist eine Antwort darauf.“ Glück sei, die Antwort ertragen zu können.
Freitag.
Nach der Improvisation der jungen Pianistin Johanna Summer herrscht absolute Stille. Sie wendet sich dem Publikum zu, verbeugt sich und liest vor: „Die meiste Angst hat der Mensch vor erdachten Gefahren.“ Robert Pfaller, der wohl bekannteste lebende Philosoph Österreichs, greift in seinen Ausführungen zunächst auf die Lehren der Stoiker zurück. Laut ihnen sind es nicht die Tatsachen, die die Menschen in Aufruhr versetzen, sondern die Einbildung über die Tatsachen. Er illustriert diese Theorie an einem Beispiel, das aus der Rede „Das hier ist Wasser“ des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace entlehnt ist. Wenn man nach der Arbeit müde im Auto sitzt und eigentlich nur mehr nach Hause will, wird man plötzlich von einem großen SUV abgeschnitten, der sich rücksichtslos vor einem einreiht. Man kann sich jetzt entscheiden, wie man mit der Situation umgeht. Die natürliche, in uns einprogrammierte Reaktion, nennt Wallace „default setting“ also Grundeinstellung. Sie ist fast immer eine, die uns ärgert und unglücklich macht. Man schreit den anderen, der einen ohnehin nicht hören kann an. Man ärgert sich grenzenlos über die fünf läppischen Sekunden, die einem gestohlen wurden. Gleichzeitig wartet man aber vor jedem YouTube-Video 15 Sekunden lang geduldig darauf, dass die Werbung vorbei ist: „Der Zorn kommt also nicht von den Tatsachen“, sagt Pfaller. „Denn woran man nicht denkt, ist etwa die Möglichkeit, dass der SUV-Fahrer seinen kleinen Sohn am Rücksitz hat, der unbedingt ins Krankenhaus muss.“ Würde man so denken, wäre man froh, seine fünf Sekunden jemanden gegeben zu haben, der sie dringender braucht. Pfaller warnt vor den Dingen, die wir automatisch als unsere Realität und Wahrheit annehmen. Nicht selten liegt man mit seinen Einschätzungen falsch. Und nicht selten machen einen die eigenen Gedanken und Wahrnehmung unglücklich, viel unglücklicher als man anhand der Tatsachen eigentlich sein müsste.